Im Tal der Elefanten

Artikel vom 01.03.2006  —  Autor: Alexandra Fuller  —  Bilder: Lynn Johnson

Meine Wanderstiefel stammen aus dem Secondhand-Laden von Serenje, und meinen Rucksack besorgte mir Rolf Shenton - Naturschützer, Lokalpolitiker, Mechaniker und gelegentlicher Führer - in einem Billigladen. Jetzt, vor Tagesanbruch, bringt er mich zur Abbruchkante der Hochebene von Sambia, so weit, wie er es mit seinem Pick-up schafft. Es ist kalt. Vor mir verschwindet die Welt hinter einer Wand aus Nebel. Auf dem Stamm eines großen Msasabaums steht in lyrischem Bemba geschrieben: "Ba pocha bonseiseni twipayeianama shonse apo tabalalesha - Wilderer vereinigt euch und tötet alle Tiere hier, bevor es verboten wird." Rolf stellt mir meine neuen Gefährten vor: Jonathan Mvula, einen Wildhüter von der Zambia Wildlife Authority; den Wildhüter Pelete Nsofwa, dessen AK-47 wie ein gebrochener Flügel über seiner Schulter hängt; und Sunday Finkansa, einen ehemaligen Wilderer. Ich bin hier, um herauszufinden, welche Beziehung die Sambier zu ihren Wildtieren haben. Eine an sich einfache Frage, die sich bei näherer Betrachtung als recht kompliziert erweist. Wie jemand zum Beispiel einen Elefanten wahrnimmt hängt sehr von der Perspektive ab - ob man das Tier also durch ein Teleobjektiv, ganz in der Nähe am Ende seines Hirsefelds oder im Eintopf erlebt.

Luangwa ist das Schwanzende des afrikanischen Great Rift Valley, etwa 700 Kilometer lang und bis zu 90 Kilometer breit, landschaftlich außergewöhnlich und reich an Wildtieren. Das Tal wirkt abgelegener, als es wirklich ist, was zum Teil daran liegt, dass es während der Trockenzeit schwer zu befahren und in der Regenzeit selbst zu Fuß praktisch unpassierbar ist. Hier und in der direkten Umgebung gibt es vier Nationalparks - Luangwa-Nord, Luangwa-Süd, Lukusuzi und Luambe - und ein paar weitere Schutzgebiete, die als Pufferzonen zwischen den Parks und dem Rest des Landes dienen. Dort ist es erlaubt zu jagen, zu siedeln und Landwirtschaft zu betreiben. Kurz bevor wir unseren Abstieg ins Tal beginnen, lasse ich noch einmal den Blick über die Hochebene schweifen. Mich empfängt eine solche Stille, dass ich nicht unterscheiden kann, ob das Summen in meinen Ohren von Insekten herrührt oder den Kopfschmerzen, die mich seit meinem letzten Malariaanfall noch quälen.

Wenn man aus leicht erhöhter Position über das ländliche Sambia blickt, scheint es, als erstreckten sich das Gras und die Bäume bis ins Unendliche - zumindest so weit, wie man innerhalb von einem oder zwei Tagen gehen kann. Ein üppiges Land, aber die meisten Sambier lernen schon früh, mit Ressourcen hauszuhalten - Wasser, Nahrung, Brennstoff. Sie verschwenden nur das, was im Überfluss vorhanden ist, weshalb das gesamte Land im Juli und August, wenn Holz reichlich vorhanden ist, unter einer Rauchwolke liegt. Viele Brände werden versehentlich gelegt: von Wilderern, von Kindern, die Ratten fangen wollen oder von Honigjägern beim Ausräuchern der Bienen. Wir statten Häuptling Mpumba einen Besuch ab.

Sein Gebiet, ein von Bäumen bestandenes, welliges Grasland, liegt im westlichen Teil des Luangwa-Tals. Nur Wildtiere gibt es hier nicht mehr. Häuptling Mpumba hat 30 000 Hektar seines Territoriums als Wildtierschutzgebiet zur Verfügung gestellt und eine Gesellschaft gegründet, die sich für den Naturschutz engagiert. Ihr gehören interessierte Dorfbewohner an, von denen viele ehemalige Wilderer sind. Wie Sunday Finkansa. Wir trinken süßen Tee und essen frische Brötchen auf der Veranda und träumen uns wilde Tiere in die Landschaft, bis die Sonne anschwillt und schließlich den ganzen Horizont verschlingt.

Noch 1970 gab es im Luangwa-Tal mehr Elefanten und Nashörner pro Quadratkilometer als irgendwo sonst in Afrika - schätzungsweise 90 000 Elefanten und 8000 Nashörner. Anderthalb Jahrzehnte später war die Zahl der Elefanten durch Wilderei auf weniger als 15 000 reduziert, und von den Nashörnern gab es kaum noch Spuren. Die Landschaft war übersät von Elefantenkadavern. Die Wilderer, oft unterstützt von korrupten Mitgliedern der sambischen Regierung, versorgten sich in Lagern, wo gewaltige Gestelle zum Trocknen des Fleisches standen. Die Dorfbewohner aus der Umgebung, manche nicht älter als zehn Jahre, bekamen nach Wochen grausiger Arbeit weniger als ein Kilo Fleisch für ihre Dienste als Träger. Als die amerikanischen Zoologen Mark und Delia Owens in das Gebiet kamen, um über Löwen zu forschen, glich der Nationalpark Luangwa-Nord eher einer Kriegszone als einem Wildtierrefugium. Die Forscher erkannten, dass sie die Tiere im Park nur schützen konnten, wenn sie die Menschen überzeugten. So ermutigten sie Häuptling Mukungule und seine Leute, die Wilderei aufzugeben und stattdessen kleine Betriebe - Zimmereien oder Imkereien - zu gründen, wofür die Owens' finanzielle Hilfe und Ausbildung bereitstellten. Nachdem der Handel mit Elfenbein 1990 verboten worden war, konnte sich die Elefantenpopulation allmählich wieder erholen.


(NG, Heft 3 / 2006)
Extras
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus