Kolumbus des Ostens

Artikel vom 01.01.2006  —  Autor: Frank Viviano  —  Bilder: Michael Yamashita

Zunächst ist es nur ein Schatten am Horizont, der die Menschen beunruhigt. Bald erkennen sie einzelne Segel, die in der tropischen Sonne über dem Indischen Ozean zu glühen scheinen. Und sie kommen immer näher, wie eine riesige Wolke, zielstrebig und unaufhaltsam. Schiffe, kilometerweit nur Schiffe! Eine gewaltige Flotte, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Nichts hätte die wie vom Donner gerührten Bauern auf einer steinigen Landzunge am südlichsten Zipfel von Sri Lanka auf dieses Schauspiel vorbereiten können. Vor ihren Augen erscheint in furchtbarer Majestät die Armada des Zheng He, Admiral der kaiserlichen Marine der Ming-Dynastie aus China. Vor 600 Jahren - fast ein Jahrhundert vor der Ankunft von Christoph Kolumbus in Amerika und von Vasco da Gama in Indien - lichtete die große Flotte in Nanking die Anker und ging auf die erste von sieben Reisen, die sie westwärts bis nach Afrika führen sollten.

Zheng He

Bild: Hongnian Zhang Vergrößern

Zheng He war ein kühner Abenteurer, und seine Ausrüstung ließ die späteren europäischen Expeditionen winzig, ja armselig erscheinen: Sämtliche Schiffe von Kolumbus und da Gama zusammengenommen hätten auf dem Deck eines einzigen großen Fahrzeugs der Flotte Platz gehabt, die diesem Admiral unterstand! Zheng He gilt zu Recht als der überragende Seefahrer in Chinas 4000-jähriger Geschichte. Ein Visionär, der eine neue Welt vor Augen hatte und sich aufmachte, sie zu gestalten. Geboren wurde er im bergigen Herzen Asiens, eine mehrwöchige Reise vom nächsten Hafen entfernt. Er gehörte weder zur Elite seines Landes, noch war er überhaupt Chinese, sondern der Herkunft nach ein Muslim aus Zentralasien, Sohn eines einfachen Beamten aus der südlichen Provinz Yunnan.

Die Reisen des Zheng He

Bild: Greg Harlin, NG Maps Vergrößern

Zheng wurde gefangen genommen, als dort im Jahr 1382 ein chinesisches Heer einmarschierte. Den Gepflogenheiten entsprechend, kastrierte man ihn, gab ihm eine Ausbildung als kaiserlicher Eunuch und schickte ihn dann an den Hof von Zhu Di, dem kriegerischen Fürsten von Yan. Diese Chance ließ er sich nicht entgehen. Innerhalb von 20 Jahren wurde aus dem Jungen, der sich unter den Messern der Ming gekrümmt hatte, einer der engsten Berater des Fürsten - und ein maßgeblicher Stratege der Rebellion, die seinen Herrn 1402 nach dreijährigen Kämpfen zum Kaiser machte. Nach seinen Heldentaten in der Schlacht von Zhenglunba unweit von Peking erhielt er den Namen Zheng und wurde auserwählt, eine der mächtigsten jemals aufgebotenen Schiffsflotten zu führen.

Erster Anstoß für die Reisen war der maßlose Ehrgeiz des Kaisers, der seine Epoche selber Yongle, "Ewige Freude", nannte. Sein Eifer lässt sich gut in den uralten Steinbrüchen von Yangshan in der Provinz Jiangsu, 25 Kilometer von Nanking entfernt, nachvollziehen. An einem feuchten Maimorgen gehören der Fotograf Michael Yamashita und ich zu den wenigen Besuchern. Ziellos schlendern wir durch ein Labyrinth enger Schluchten, als plötzlich ein gigantischer Monolith vor uns aufragt: ein riesiger Grabstein, gemeißelt aus einem einzigen Felsen - der Sockel einer Gedenktafel, die 25 Stockwerke hoch werden sollte. Zhu Di gab sie für das Grab seines Vaters Zhu Yuanzhang, des Hongwu-Kaisers und Begründers der Ming-Dynastie, in Auftrag, doch sie wurde nie vollendet: Niemand hätte das 31 000 Tonnen schwere Monument von der Stelle bewegen können.

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(NG, Heft 1 / 2006)
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