Lockruf der Tiefe

Artikel vom 01.03.2006  —  Autor: Alexander Klimchouk  —  Bilder: Stephen L. Alvarez

Als sich der Höhlenforscher Sergio García-Dils de la Vega am Eingang der Krubera von seiner Freundin Pilar Orche verabschiedet, verspricht er, am nächsten Tag zurück zu sein. Daraus wird nichts - erst Wochen später sieht sie ihn wieder. Denn sein Kollege Bernard Tourte verletzt sich auf dem Weg in die tiefste Höhle der Erde, und García-Dils de la Vega beschließt, in einem unterirdischen Biwak bei ihm zu bleiben. Wir sind auf eine lange Expedition eingestellt und haben fünf Tonnen Ausrüstung dabei. Seit Abenteurer in Frankreich im Jahr 1956 erstmals eine Tiefe von mehr als 1000 Metern erreichten, träumen wir Speläologen davon, die magische 2000-Meter-Marke zu knacken. Wird es uns endlich gelingen?

Der "Weg" in die Krubera zieht sich wie ein gezackter Pfad durch den Kalkstein. Über Stufen, Wasserfälle und durch Schächte, die über schmale, gewundene Schluchten miteinander verbunden sind, führt er uns in die Tiefe. Die Höhle, benannt nach dem russischen Geologen Alexander Kruber, liegt in der Autonomen Republik Abchasien im Arabika-Massiv am Rand des Schwarzen Meers. Im Jahr 1960 erkundeten georgische Forscher sie erstmals bis zu einer Tiefe von 90 Metern. Zwei Jahrzehnte später organisierte ich eine Reihe von Expeditionen, um weitere Teile der Krubera zu erforschen und ihre Tiefe auszuloten. Mit spezieller Farbe bestimmte ich den Verlauf unterirdischer Wasserläufe. 2001 erreichte ein Team unter der Leitung des Ukrainers Juri Kasjan eine Tiefe von 1710 Metern, und im Juli 2004 schaffte eine Gruppe aus Moskau 1775 Meter. Wir wollen die 2000-Meter-Marke erreichen. 56 Höhlenforscher aus sieben Ländern sind mit von der Partie. Wie Bergsteiger errichten wir unterwegs Biwaks in 700, 1215, 1400 und 1640 Meter Tiefe. Dort bereiten wir unsere Mahlzeiten zu und schlafen dicht gedrängt zu fünft oder sechst in einem Zelt, um einander zu wärmen. Aber meistens arbeiten wir: bis zu 20 Stunden am Stück.

Die dritte Woche: Wir sind in 1775 Meter Tiefe, als ein stehendes Gewässer unseren Abstieg stoppt. Gennadi Samochin taucht hinab. "Keine Chance durchzukommen", sagt er nach der Rückkehr. Auf der Suche nach einem anderen Umweg bekommt García-Dils de la Vega eine eiskalte Dusche ab. Auch er hat keinen Erfolg, stellt aber fest, dass sein Überlebensanzug undicht ist. "Das Wasser war so kalt, dass ich das Gefühl in den Fingern verlor", berichtet er später. In einem letzten verzweifelten Versuch zwängen sich Denis Kurta und Dmitri Fedotow durch eine enge, 100 Meter lange Passage, den "Weg zum Traum". Sie haben Glück. Der Schacht führt um das Gewässer herum - und steil nach unten.

Am nächsten Tag folgen Bernard Tourte und andere. Das ist der ersehnte Durchbruch! Per Telefon geben wir die Erfolgsnachricht an alle Biwaks. Sie wird mit großer Freude und Erregung aufgenommen. Unsere neu entdeckte Passage führt uns zu einem weiteren Gewässer in 1840 Meter Tiefe. Rekord!

Tal über der Höhle, drei Männer im Schacht (linke Seite)

Bild: Katerina Medwedjewa Vergrößern

Samochin kommt nach einem kurzen Tauchgang lächelnd nach oben. Es gebe dort einen viel versprechenden Gang, der weiter abwärts führe, berichtet er. Aber vorerst können wir die Expedition nicht fortsetzen, denn nach fast vier Wochen unter Tage gehen unsere Vorräte zu Ende. Begeistert über unseren Erfolg empfange ich die aus der Tiefe zurückkehrenden Kollegen - und erleichtert darüber, dass es allen gut geht und niemand ernstliche Verletzungen erlitt.

Es ist kalt, nass, schmutzig und dunkel... Gründe, die gegen eine Karriere als Höhlenforscher sprechen, gibt es genug. Würde Sie eine derartige Aufgabe dennoch reizen? Senden Sie uns bitte Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.


(NG, Heft 3 / 2006)
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