Monsun in Down Under

Artikel vom 01.12.2006  —  Autor: Roff Smith  —  Bilder: Randy Olson

Jeder geht in die Animal Bar. Es ist der beliebteste Pub in Karumba, einem urigen alten Hafenstädtchen am Carpentariagolf, dem nordwestlichen Ende von Queensland. Nie geht es hier heißer zu als an einem gewittrigen Freitagabend wie diesem, wenn sich die Monsunwolken zusammenbrauen, die Schiffe heimgekehrt sind und der Hauptgewinn der wöchentlichen Kneipentombola mehr als umgerechnet 4000 Euro verspricht. Als ich um acht Uhr vorfahre, ist die Stimmung in der berühmt-berüchtigten alten Pinte schon auf dem Höhepunkt. Eine Reihe robuster Geländewagen parkt Tür an Tür vor dem Eingang, drinnen empfängt mich ein Gemisch aus Lärm und Qualm, nackten Füßen und Tattoos, wildem Gelächter, klirrenden Flaschen und dem gelegentlichen Klacken der Billardkugeln.

Ich bestelle eine Flasche Bier. Die Barfrau reicht mir mit meinem Wechselgeld ein paar bunte Papierschnipsel: Lose für die große Ziehung heute Abend. Als ich gerade von der Theke komme, drängt sich ein alter Freund, Polizeisergeant Mick Jones, an meine Seite und gibt mir ein paar Ratschläge zu den lokalen Ritualen: "Wenn du gewinnst, Kumpel", sagt er, "denk dran, sie lassen dich auf keinen Fall mit vier Tausendern in der Tasche hier raus, ohne dass du ein paar Runden schmeißt. Vergiss also bloß nicht, ´nur das Übliche´ anzusagen - Wein und Bier. Hier gibt's ein paar Typen, die fangen sonst an, ganz schicke Drinks zu bestellen, und zwar doppelte und dreifache, und am Schluss bist du total blank." Ich werfe einen verstohlenen Blick auf die erwartungsvollen, sonnenverbrannten Gesichter der Gäste und danke Mick für den Rat. Wie sich herausstellt, muss ich an dem Abend keine Runden schmeißen. Auch sonst niemand. Der Jackpot bleibt noch ein paar Wochen unangetastet. Als er schließlich geknackt wird, ist die Gewinnerin eine Frau, die mit der Ankündigung durchkommt, statt einer Lokalrunde einen Teil des Geldes dem Weihnachtsbasar zu spenden.

Die meisten Gesichter in der Animal Bar sind mir bereits vertraut. Da ist "Fatty" Daniel, der muskulöse Kapitän der "M.V. Wunma", des Schiffs, das die Erze von der Zinifex Century Mine in den Südwesten transportiert. Alan Lourie, der Skipper der "Karinya II", des Versorgungsboots, das die wöchentliche Route nach Mornington Island macht. Brendan Carter, der Chef der Krabbenfabrik. Bruce Davey, ein lebhafter Makrelen- und Barramundi-Fischer in dritter Generation. An dem Abend verstehe ich, dass sie und Mick und ich und wir alle hier oben nur Statisten sind. Kleindarsteller auf der großen Wanderbühne, die Jahr für Jahr um diese Zeit durch Australiens wilden tropischen Norden zieht: Das Stück heißt "Die Ankunft des Monsuns", bekannter ist es in der Region unter dem Kürzel the wet - "Die Nässe". Es ist ein Drama in drei Akten, das im australischen Frühjahr Premiere feiert, Ende September, wenn die komplizierte Klimamaschinerie, die den Monsun antreibt, in einen anderen Gang schaltet und die Regenzeit von Indien herunterschickt. Wolken bauen sich über der See auf, die Temperaturen steigen, in der feuchten Luft nimmt die Spannung zu, und im Dunst grollt der Donner wie ein meteorologisches Räuspern vor der drohenden Standpauke. Diese Jahreszeit nennen die Einheimischen buildup, das "Auftürmen", das spannungsgeladene Vorspiel zum zweiten Akt.

Es ist ein explosives, wagnerianisches Crescendo aus finsteren violetten Himmeln, gezackten Lichtblitzen, Donner und Regengüssen, die in banggereng - "umwerfenden Regenfällen" - gipfeln, wie einige Aborigines aus dem Norden das Naturereignis nennen. Das ist the wet, der Monsun höchstselbst, der im Dezember jederzeit loslegen kann und meist bis März andauert. Monatelang ausgetrocknete Flüsse im Hinterland werden dann plötzlich zu reißenden Strömen. Riesige Flächen werden überflutet, die Straßen unterspült und Orte wie Karumba wochenlang, manchmal sogar monatelang von der Außenwelt abgeschnitten. Im April, wenn der Himmel aufklart und die zuvor stoppeligen, dann ertränkten Buschlandschaften sich zu blühenden Feuchtgebieten wandeln, kommt die Trockenheit zurück - der dritte und letzte Akt.

Schon lange hatte ich den Traum, einmal eine Regenzeit in irgendeiner tropischen Stadt auszusitzen. Einfach um zu sehen, wie das ist. Als Mick Jones mich einlud, nach Karumba heraufzukommen und genau das zu tun, ergriff ich die Chance sofort. Zwar hatten die Regenfälle noch nicht begonnen, als ich Anfang November ankam, doch das Wetterleuchten, das den Himmel durchzuckte, als ich an jenem Abend zum ersten Mal die Animal Bar betrat, schien ein perfekter Auftakt zu sein.

Australien ist eines der bevorzugten Länder für deutsche Auswanderer. Würden Sie auch gerne das Leben in Down Under verbringen? Vielleicht sogar im monatelang durch Hitze und Regen geprägten Norden? Schreiben Sie an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 12 / 2006)
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