Mythos Serengeti

Artikel vom 01.08.2006  —  Autor: Markus Borner
Nilkrokodil packt ein Streifengnu

Bild: /Getty Images, Anup Shah Vergrößern

Am Rande der Serengeti hat ein Nilkrokodil ein Streifengnu erwischt.

Dunkle Gewitterwolken hängen über den Ngorongoro-Bergen, dahinter liegen die weiten Ebenen des Serengeti-Nationalparks im strahlenden Sonnenlicht. Während ich die kleine Cessna der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) durch die Wolkentürme lenke, breitet sich ein glückliches Lächeln auf meinem Gesicht aus. Unter mir tauchen die ersten Herden auf. Aus der Höhe erkennt man die einzelnen Tiere kaum. Fast zwei Millionen Gnus , Zebras und anderes Wild ziehen durch die Serengeti, ihre langen Reihen erinnern mich an Rinnsale. Wenn sie sich in Herden zusammenballen, sieht es wie Wassertropfen aus, die auf einem fettigen Tisch zusammenfließen. Vor 30 Jahren bin ich zum ersten Mal mit Bernhard Grzimek, dem damaligen ZGF-Präsidenten, legendären Tierfilmer und Moderator der Fernsehsendung "Ein Platz für Tiere", in die Serengeti gekommen. Das Fliegen, die Tiere, die überwältigende Landschaft - bald wurde Tansania zu meinem Lebensmittelpunkt.

Eine Herde Gnus

Bild: Mark C. Ross/NG Image Collection Vergrößern

Eine Herde Gnus zieht durch die Serengeti.

Es berührt mich noch genau wie damals, wenn ich über die riesigen Gnuherden fliege. Und oft frage ich mich, was es denn ist, das mich und die vielen Touristen, die die Serengeti jedes Jahr besuchen, in den Bann zieht. Warum spricht uns diese Landschaft so sehr an? Beim Flug vom Ngorongoro-Hochland zu den weiten Ebenen der Serengeti überquert man die Olduvai-Schlucht, einen Seitenarm des Ostafrikanischen Grabens. Dort haben Paläoanthropologen, vor allem Mary und Louis Leakey, viele der entscheidenden Fossilien gefunden, mit deren Hilfe man die Evolution des Menschen rekonstruieren konnte. Die Überreste unserer Vorfahren, die hier einst lebten, haben die Wissenschaftler davon überzeugt, dass Afrika die Wiege der Menschheit ist. Ich kann gut nachvollziehen, dass die frühen Menschen die Serengeti als ihre Heimat wählten - einen der schönsten Plätze der Welt, wie gemacht für uns.

Vor 70 000 bis 50 000 Jahren brach der moderne Mensch aus Afrika in Richtung Asien und Europa auf, nur ein Wimpernschlag in der Geschichte. Deshalb erstaunt es mich nicht wirklich, dass wir uns in der Serengeti unwillkürlich zu Hause fühlen. Bauen wir uns die Serengeti nicht überall nach? Was sind denn die Stadtparks von München bis London anderes als Mini-Serengetis? Nicht im dunklen Wald des deutschen Märchens fühlen wir uns wohl, sondern in der offenen Savanne. Vielleicht ist das ein Überbleibsel aus unserer Urheimat, wo es lebenswichtig war, den in der offenen Kurzgrassteppe anschleichenden Löwen rechtzeitig zu sehen, gleichzeitig aber Bäume zu haben, auf die man sich vor einem angreifenden Büffel retten konnte. Geburt und Tod, Entstehen und Vergehen, in unserer Gesellschaft oft tabuisiert, sind in der Serengeti allgegenwärtig. In der zunehmend technisierten Welt braucht der Mensch als Ausgleich die Schönheit der Natur und Orte, wo er sich auf sich selber besinnen kann.

Kuhreiher auf einem Flusspferd

Bild: Gerry Ellis/Minden Pictures/Premium Vergrößern

Ein Kuhreiher hat es sich auf dem Rücken eines Flusspferdes gemütlich gemacht.

Leider verschwinden die wahren Paradiese. Auch die Serengeti ist in Gefahr. Es gibt auf dieser Welt keinen Flecken mehr, der nicht vom Menschen beeinflusst wird. Deswegen ist es so wichtig, dass wir noch einige große Schutzgebiete haben, in denen wir versuchen, möglichst wenig zu tun und der Natur ihren Lauf zu lassen. "Wenn ein Löwe im rötlichen Morgenlicht aus dem Gebüsch tritt und dröhnend brüllt, dann wird auch Menschen in 50 Jahren das Herz weit werden", schrieb Bernhard Grzimek 1959 in seinem Klassiker "Serengeti darf nicht sterben". Sorgen wir dafür, dass die Menschen auch nach einem weiteren halben Jahrhundert noch überwältigt über die Ebenen der Serengeti blicken können.

Mehr als 100 000 Touristen besuchen die Serengeti jedes Jahr. Sind Sie der Meinung, dass der Tourismus als wichtigste Einnahmequelle der Tansanier noch ausgeweitet werden könnte? Oder sollten strikte Schutzmaßnahmen für die Serengeti eingeführt werden? Schreiben Sie an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 8 / 2006)
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