"Pamina" muss auf den Catwalk. Ihr ist die Karriere als Model wie auf den Leib geschrieben. "Pamina" ist jugendschön, mit Bernsteinfeuer im Blick. Ihre schlanken Flanken stecken in gut tailliertem Pelz. Im Luchsschaugehege an den Rabenklippen - ein paar Fahrminuten mit dem Erdgasbus oder eine stramme Wanderung von Bad Harzburg aus vier Kilometer bergan - soll "Pamina" künftig hübsch wild sein. Aber zugleich zahm genug, dass die vielen Besucher etwas von ihr zu sehen bekommen. Das Luchsfräulein wurde im Sauerland von Menschen aufgezogen und kam Ende 2005 in den Harz. Hier bewohnt sie vorerst eine eigene Parzelle. Das etablierte Luchspaar von nebenan muss erst noch zu verstehen geben, dass es die Neue dulden wird, bevor sich für "Pamina" die umzäunte Waldfelsenwelt öffnet.
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Ole Anders, 36, ist Luchsfachmann im Dienst des Nationalparks Harz; er riskiert einen Schmusegriff durch den Maschendrahtzaun. Als er meinen Blick bemerkt, sagt er: "Das geht nur bei Luchsen, die Menschen quasi von Geburt an als ihresgleichen betrachten." - "Paminas" künftige Fans werden sowieso nicht in Versuchung geraten, einen Zeigefinger zu riskieren. Das Schaugehege ist durch einen Vorzaun vom Besucherweg abgetrennt. Das schafft Abstand, auch für die Tiere. Die können sich - wenn sie genug Schreie kindlicher Begeisterung gehört haben - zwischen Fels und Farn unsichtbar machen. Das Schaugehege ist, was amtliche Naturschützer mit fachspezifischer Ironie eine "Ablenkungsfütterung" nennen: Parkbesucher bekommen hier etwas zu sehen, damit sie nicht dorthin drängen, wo Menschen unerwünscht sind.
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Zum Beispiel dort, wo das eigentliche, vielfach größere Luchsgehege liegt, das in keiner Karte verzeichnet ist. Hier leben "unsere Kandidaten", sagt Anders, der das Luchsauswilderungsprogramm betreut. Diese Luchse werden in einem Fast-Urwald mit Baumriesen und Granitfelsen freiheitstauglich gemacht, unter anderem mit "Ganzkörpernahrung", meistens toten Rehen. Ein Revierförster nähert sich den Luchsen nur so weit wie nötig. Die Freiheitskandidaten sollen scheu werden, sollen den Menschen aus dem Wege gehen. Von den 22 Tieren, die seit 2000 ausgewildert wurden, waren zwei zu menschenbezogen und wurden wieder eingefangen. Sechs weitere schafften es nicht, sich selbständig zu ernähren, und wurden wieder in Vollpension genommen. Aber 14 geglückte Auswilderungen sind keine schlechte Bilanz, zumal in den letzten Jahren Luchsnachwuchs im Harz verbürgt und per "Fotofalle" dokumentiert ist.
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Inzwischen hält der Luchs hier im Nationalpark seinen Charakterkopf auf Postern und Broschüren als Markenzeichen ins Bild. Dass er zum Sympathieträger wurde, liegt auch daran, dass Niedersachsen die Landesjägerschaft auf seine Seite holte, die Nachfahren jener Zunft, die "das gar gräusliche Unthier" vor knapp 200 Jahren im Harz ausgerottet hatte. Jäger sind verlässliche Beobachter und lernen, einen Luchs- von einem Fuchsriss zu unterscheiden.
In den letzten 150 Jahren wurden deutschlandweit aus Wäldern Fichtenplantagen. Für den Nationalpark Harz lautet das wichtigste Umbauprogramm: Auf drei Viertel seiner Fläche soll das wurzeln, was dort von Natur aus wachsen würde. Ein Ziel, das so lange unrealistisch bleibt, wie zu viele Rot- und Rehwildzähne den natürlichen Aufwuchs verbeißen. Deshalb will man hier nicht Jagd de Luxe - auf Trophäen - sondern Jagd à la Luchs. Trophäen sind das oberste Hegeziel traditioneller Jäger. Starke Geweihträger gibt es aber nur mit einem zahlenmäßig gewaltigen Unterbau aus "minderen" Tieren. Die Jagdfraktion frönt noch allzu oft dem Knochenkult. Luchse jagen ohne Ideologie und waidmännische Zuchtziele. Etwa so will man auch im Nationalpark jagen: Zahl vor Wahl. Oberstes Ziel: Weniger Fraßdruck auf dem natürlichen Waldnachwuchs; mehr Blattgrün durch mehr Blattschuss. Aber dezent soll gejagt werden, weil das nicht zum Nationalparkmotto passt: keine Eingriffe! Noch muss man eingreifen - mit Pflanzstock und Gewehr. Die angestrebte neue Wildheit muss man dem Harz erst noch ab-luchsen. Schritt für Schritt.
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