"Macht's denn Spaß, so allein zu wandern?", fragt die Taxifahrerin, die mich vom Bahnhof in Angermünde nach Stolpe bringt. "Klar. Hier ist doch Deutschlands einziger Auennationalpark. Muss man mal gesehen haben." - "So berühmt sind wir?" Mit den Biosphärenreservaten Flusslandschaft Elbe und Spreewald sowie Naturparks an Havel und Elbe hat der Osten Deutschlands einige ökologisch und landschaftlich wertvolle Gewässer zu bieten. Aber ein Nationalpark ist eben doch etwas Besonderes. Hier, so die Initiative Nationale Naturlandschaften, "soll Natur Natur bleiben." Vielleicht sollte man korrekter sagen: Hier soll Natur Natur werden. 20 Kilometer südlich von Schwedt in der Uckermark thront über dem Dorf Stolpe ein Wehrturm aus dem 13. Jahrhundert auf den Oderhängen, von den Einheimischen liebevoll Grützpott genannt. Von hier hat man einen schönen Blick in das südliche Drittel des Nationalparks Unteres Odertal bis hinüber auf die polnische Seite. Davor liegt das lange Band der so genannten Stromoder, die ohne den Eingriff des Menschen ganz woanders fließen würde. Dicke schwarze Wolken ziehen über das Tal und ich befürchte für die kommenden Tage nichts Gutes.
  Vergrößern
Kranichrufe hallen rau durch das flache Tal, und ich stiefele über einen Spurplattenweg in Richtung Polen. Hier im Süden ist das Gebiet bäuerlich geprägt: Wiesen zur Heuproduktion, Viehweiden, dazwischen Kleingewässer, Hecken und Weiden. In keinem anderen deutschen Nationalpark wird so viel Landwirtschaft betrieben. Seit Jahren werden Flächen außerhalb des Schutzgebiets aufgekauft und den Landwirten, die im Tal wirtschaften, zum Tausch angeboten. Auf der Stromoder treiben einzelne Eisschollen gemächlich Richtung Ostsee, ich wandere auf dem Deich nach Norden. Zwei Seeadler hocken hoch oben in einer kahlen Baumkrone. Eine Vogelpirsch im Winter hat ihre Vorteile. Seeadler sind zwar nur eine von rund 250 Vogelarten, die man im Odertal beobachten kann, aber zweifellos eine der spektakulärsten. Der größte mitteleuropäische Adler lebt das ganze Jahr hier. Im Winter gesellen sich noch Artgenossen aus Hinter- und Vorpommern dazu. Es wurden schon Gruppen von 30 Vögeln gesichtet. Mein Gott, ein Adlerschwarm dieser Größe, das hat schon Hitchcocksche Qualität.
Am nächsten Morgen nehme ich in Criewen, dem Sitz der Parkverwaltung, mein Zweirad in Empfang, auf dem sonst einer der zehn Ranger fährt. "Wir sind ein Fahrradnationalpark", sagt Hans-Jörg Wilke von der Nationalparkverwaltung. Während wir über den Deich von Polder A/B neben der glitzernden Eisfläche nach Norden fahren, erklärt er mir, wie das Bewässerungssystem im Odertal funktioniert. Man muss sich die Polder als riesige, von Deichen eingeschlossene Wannen vorstellen. Je nach Bedarf und Wasserstand der Oder werden sie geflutet oder leer gepumpt. Als wir die Stromoder erreichen, bricht die Sonne durch. Ein paar Dutzend Kormorane lassen sich treiben, Schell- und Reiherenten fliegen auf. "Det is schön", freut sich Wilke. "Det is Frühling."
  Vergrößern
Aber zu früh gejubelt. Einen Tag später, auf dem Rückweg nach Schwedt, erwischt es mich doch noch. Ich habe einen stundenlangen Rundweg um den nördlichen Polder 10 in den Knochen, immer auf dem Deich entlang, weil die Wege im Inneren unpassierbar sind, vorbei an der Schutzzone I: Totalreservat. Das sieht stellenweise genauso aus, wie man sich Wildnis vorstellt. Die Wasserflächen und gefluteten Wiesen sind von Eis bedeckt, dazwischen urige Wälder voller umgestürzter Bäume, ein Stammmikado für Riesen. Nicht nur Wind und Altersschwäche haben das angerichtet, hier waren auch die Biber am Werk. Meine Beine sind inzwischen müde, meine Schultern schmerzen, der Rucksack scheint mit jedem Meter schwerer zu werden, Kamera und Fernglas wiegen Tonnen. Das war's, sage ich mir, jetzt geht's nach Hause, zum Bahnhof, in die Wärme. Schemenhaft sind über den Wiesen schon die Fabriken von Schwedt zu erkennen. Da beginnt es zu schneien.
Ich habe noch etliche Kilometer vor mir, also marschiere ich weiter, mit gesenktem Kopf, die Zähne zusammengebissen, schimpfend, schniefend, frierend. In der Ferne tapst ein Fischotter über das Eis. Plötzlich erklingen aus dem Polder melodische Rufe, ganz anders als das Geschnatter der Enten und Gänse. Ich bleibe stehen und spähe durchs Fernglas. Eigentlich sollten im Nationalpark schon Ende Februar die Singschwantage stattfinden. Und im Herbst wird hier immer der Durchzug der Kraniche gefeiert. Naturschutz als Event. 600 Besucher hatten sich angemeldet. Dann flimmerten die Bilder aus Rügen über die Mattscheiben: tote Vögel, vor allem Schwäne, Männer in Schutzanzügen, Seuchenmatten. Das Fest wurde abgesagt. Nun habe ich die prächtigen Vögel ganz für mich allein. Da sind sie. Durch das Fernglas sehe ich zehn schneeweiße Singschwäne im Flockengestöber über die Eisflächen fliegen. Kälte und Müdigkeit sind vergessen.
Buch-Tipp: Wildes Deutschland - Bilder einzigartiger Naturlandschaften
Der Bildband zeigt 233 Fotos und Karten auf 288 Seiten. Hier können Sie es bestellen. mehr...