Nationale Naturlandschaften - Teil IV: Das neue Grün im Bayerischen Wald

Artikel vom 01.06.2006  —  Autor: Rüdiger Dilloo  —  Bilder: Norbert Rosing

Hilfe, dieser Jagatee ist stark! Von wegen Tee. Schmeckt eher wie heißer Kräuterschnaps mit Zuckerwasser. Bin ich hier der Einzige, dem das Zeug ins Blut und das Blut in den Kopf schießt? Lothar trinkt schon den zweiten, aber ihm ist nichts anzumerken. Seine Rede ist klar und kühl der Blick seiner hellblauen Huskyaugen. Wir kennen uns seit drei und duzen uns seit zwei Stunden. Lothar Mies ist 40 Jahre alt, groß, schlank, naturbraun, fesch auf eine unaufdringliche Art. "Nationalpark-Wacht" steht auf dem Ärmel seiner forstgrünen Fjällräven-Jacke. Er sagt etwas über die letzte Hochlagenwaldinventur (oder war das Hochwaldlageninventur?) - es geht jedenfalls ums Zählen junger Bäume. Immer geht hier alles um die Bäume und wie man gefälligst damit umzugehen hat. Der Wald im Nationalpark Bayerischer Wald ist wie ein Kind, um dessen richtige Erziehung sich die Eltern erbittert streiten. Hassausbrüche, und Scheidungsdrohungen inklusive.

Wildkatze im Freigehege des Hans-Eisenmann-Haus

Bild: Norbert Rosing/ngsimages.com Vergrößern

Wir sitzen im Stimmengewirr einer dampfenden Hüttenstube. Es ist Mittagszeit, das Lusen-Schutzhaus gut besucht. Draußen ein klarer, kalter Frühjahrssamstag. Wir sind vom Dorf Waldhäuser über einen steilen, schnurgeraden, Himmelsleiter genannten Pfad aufgestiegen. Der Lusen, 1373 Meter hoch, ist einer der drei Berge im Nationalpark, Rachel und Falkenstein heißen die anderen. Es sind keine spitzen, alpinen Gipfel, sondern aus dem Wald wachsende Mittelgebirgskuppen, lange vor der Alpenfaltung aus flüssigem Magma entstanden. Der Lusen hat zwei Besonderheiten. Erstens: Sein Gipfel ist überschüttet mit Granitblöcken fast gleicher Größe und Form, als hätte vor 500 bis 600 Millionen Jahren die Straßenbaufirma Rübezahl & Riese hier mal eben eine Fuhre Pflastersteine im Nachtschränkchenformat zwischengelagert und dann vergessen. Zweitens: Der Wald sieht zum Fürchten aus. Wie tot.

Wir hatten uns beim Aufstieg Zeit gelassen, Lothar Mies hatte viel über seinen Nationalpark geredet und ich seine ernsthafte Art schätzen gelernt. Lothar ist ein Waldler ("Waidler"), im Bayerwald aufgewachsen. Vor 15 Jahren ließ er sich zum Nationalparkwächter ausbilden - nicht ahnend, dass er schon bald in seiner schmucken Ranger-Dienstkleidung als "Dreckhammel" beschimpft werden würde. Zunächst war die Welt noch in Ordnung. Der Nationalpark Bayerischer Wald, 1970 als erstes solcher Schutzgebiete in Deutschland eröffnet, bescherte der armen, abgelegenen Region am Eisernen Vorhang staatliches Geld, touristischen Aufschwung und Arbeitsplätze. Dann aber, Mitte der neunziger Jahre, kam der Käfer. Ips typographus, der Buchdrucker-, vulgo Borkenkäfer, braunschwarz, vier bis sechs Millimeter groß.

Er befällt ausschließlich Fichten, bohrt Löcher in die Bäume, legt zwischen Rinde und Holz in fächerförmig herausgefressenen Brutgängen seine Eier ab. Zerstört damit die Nahrungskanäle des Baums und bewirkt sehr schnell dessen Absterben. Der traurige Anblick hatte mich schon bei der Anfahrt schockiert. Die Straße vom Städtchen Grafenau hinauf nach Waldhäuser, das mit 1000 Metern höchstgelegene Dorf im Bayerischen Wald, überquert einige vorgelagerte Hügel, dann öffnet sich der Blick auf den Hauptkamm, die Wasserscheide, die historische Grenze zwischen Bayern und Böhmen, Deutschland und Tschechien. Über dem gewohnten dichten Waldgrün der unteren Hänge tut sich eine seltsame Zahnstocherlandschaft auf. Als hätte ein Waldbrand gewütet - nur dass die toten Bäume nicht verkohlt, sondern als helle, rindenlose Gerippe kläglich in den Himmel starren.

Lothar Mies beschönigte nichts. Ja, der Borkenkäfer habe mehr als 4000 Hektar Wald vernichtet, ein Sechstel der Nationalparkfläche. Nein, der Borkenkäfer werde im Park nicht bekämpft, die Natur solle sich selber überlassen bleiben. Ja freilich, manche Einheimische könnten sich mit diesem Konzept nicht abfinden. "Es hat Zeiten gegeben", sagte mein Begleiter, als wir zum Lusen aufstiegen, "da hab ich nicht mehr ins Wirtshaus gehen mögen. Manchmal hab ich gemeint, glei kriag i oane." Eine Watschen, eine Ohrfeige. Oder Schlimmeres. Es sei eine Schande, finden die Alten. Im Jahr 1995, als der Nationalpark 25 Jahre alt wurde, war die Borkenkäferplage am schlimmsten. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog sprach in einem überfüllten Bierzelt, die Stimmung war gereizt, Transparente wurden hochgehalten. Da sagte der Bundespräsident, dass ja viele "Rettet den Regenwald" forderten. Demnächst fahre er zum Staatsbesuch nach Brasilien, und er wäre froh, wenn er dort sagen könnte, dass in Deutschland wenigstens ein oder zwei Prozent Wald der Natur überlassen würden. Da wurde es im Bierzelt sehr still, berichten Zeugen, die damals dabei waren.


(NG, Heft 6 / 2006)
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