Wenn alles flach ist rundherum, die Ostsee leise anbrandet und der Sandstrand in weichen Linien verläuft - dann können 13 Meter hoch sein. So hoch, dass ich weit über die Halbinsel von Fischland, Darß und Zingst blicken kann, von der Hohen Düne im Osten zum Darßer Ort im Westen, von meinem Ausgangspunkt zu meinem Ziel. Dazwischen liegt eine Natur, deren Reiz sich nicht sofort erschließt, weil ihr auffällige Landmarken fehlen. Will man ihre Geheimnisse entdecken, muss man genau hinschauen können. Deshalb mache ich mit Uwe Paschen ein Geschäft: Ich leihe ihm mein Ohr, und er leiht mir seine Augen. Der 68-Jährige verbrachte den größten Teil seines Lebens in Born, im Süden der Halbinsel. Blau, gelb, rot, weiß oder grün sind die Häuser dort gestrichen, mit Reet gedeckt, die Türen mit holzgeschnitzten Ornamenten verziert.
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Paschen arbeitete in der DDR-Hochseefischerei, fing als Matrose an, brachte es bis zum Flottillenkapitän. Dann kam die Wende und Paschen wurde arbeitslos. "Im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, der 1990 gegründet wurde, gab es zum Glück eine ABM-Stelle", erzählt er. Paschen, der Zeit seines Lebens zur See gefahren war, baute nun Wege an Land. 1995 wurde er Hafenmeister von Darßer Ort. Paschen kennt das Meer, er kennt Fischland, Darß und Zingst, und er kennt die Menschen, die hier leben. Einen besseren Begleiter hätte ich mir nicht wünschen können. Unterhalb der Aussichtskanzel von Pramort breitet sich hell und flach das Windwatt Bock vor uns aus, eine zwölf Kilometer lange Sandbank. Ihren Namen trägt sie, weil hier immer wieder Fischer ihre Boote auf Grund setzen, aufbocken. Anders als das Watt der Nordsee, das bei Ebbe trocken fällt und bei Flut überspült wird, ist der Wasserstand auf dem Bock allein vom Wind abhängig, woher und wie stark er bläst.
Weil Menschen nicht auf das Windwatt kommen, finden dort um die 40 Küstenvogelarten Rast- und Brutplätze. Singschwäne, Graugänse, Zwergsäger, Sandregenpfeifer. Sogar Alpenstrandläufer, die vom Aussterben bedroht sind, machen auf ihrem Zug in den Süden hier Quartier. Und natürlich der Kranich mit seinem hellgrauen Kleid, den schwarzen Schmuckfedern und dem roten Fleck auf dem Kopf. Jeden Herbst kommen bis zu 60 000 dieser 1,20 Meter großen, um die fünf Kilo schweren Vögel hierher. Ein bis zwei Monate machen sie Rast, bevor sie ihren Weg von Skandinavien und dem Baltikum nach Spanien, Portugal und Nordafrika fortsetzen. "In der Abenddämmerung", sagt Paschen, "ist das ein phantastisches Schauspiel. Ganze Schwärme fliegen vom Festland, wo sie Insekten und Würmer, Beeren und Kartoffeln gefressen haben, zu ihren Schlafplätzen zurück." Die liegen in knietiefem Wasser oder auf Inseln; dort fühlt sich der Kranich sicher vor dem Fuchs.
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84 Prozent des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft liegen im Wasser des Bodden und der Ostsee. Neben dem Darß und dem Zingst umfasst er die Insel Hiddensee, Teile der Südwestküste Rügens und die Landzunge des Bug. Seit dem 1. Januar 2006 ist seine Verwaltung auch für den Nationalpark Jasmund im Nordosten mit seinen berühmten Kreidefelsen zuständig. Dafür wurde die Verwaltung des Biosphärenreservats Südost-Rügen als selbständiges Amt ausgegliedert. Die Bodden, das sind die buchtenreichen Lagunen, die Europarc Deutschland, die Dachorganisation der Schutzgebiete, als "Alleinstellungsmerkmal" dieses Parks bezeichnet. Als etwas, das sie von allen anderen Nationalen Naturlandschaften abhebt. International dagegen ist die Bedrohung seiner Biotope und seines Artenreichtums, vor allem durch Nähr- und Stickstoffe. "Wir haben aber keinen Einfluss darauf, was Anrainerstaaten oder Freizeitkapitäne mit der Ostsee machen", sagt Amtsleiter Siegfried Brosowski. "Wir haben schon genug damit zu tun, unsere Küste von Müll und Ölklumpen sauber zu halten." Das ist da, wo sich viele Menschen tummeln, schwierig genug.
Drei Millionen Menschen besuchten im vergangenen Jahr Zingst, Prerow und Born. "Das Boot ist randvoll", klagt Brosowski. Sorgen machen ihm vor allem die Wassersportler, die Zug- und Brutvögel aufschrecken. Und die Kite-Surfer, die sich von einem Gleitschirm ziehen lassen: "Für die Vögel ist alles, was groß ist und fliegt, ein Seeadler." Vor dem haben sie Angst und fliehen.
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