Hände zucken über den Fels, tasten nach einer Kante, nach einem dünnen Riss, einer Rille, einer Ritze. Nach Halt. Fußspitzen scharren an der lotrechten Wand. Dann spannt sich der Körper im nächsten Zug nach oben, im Kampf gegen die Schwerkraft. "Ihr müsst die Reibung noch mehr nutzen!", ruft Kletterführer Clemens Langer, der von unten mit einem Seil sichert. "Versucht mal, auf diesem Sandstein abzurutschen; das geht gar nicht." In der Sächsischen Schweiz wird "sauber" geklettert. So, dass der Berg nicht vergewaltigt wird. Seit 1913 gibt es dafür eiserne Regeln. Keine Haken als Steighilfe, weil sie die Wand zerlöchern. Keine Klemmkeile aus Metall, weil sie den brüchigen Fels zerschrammen würden. Kein Magnesia an den Händen, weil es das Gestein angreift. Das ist der Ehrenkodex, dem sich hier alle verschrieben haben. Das Elbsandsteingebirge ist schließlich die Wiege der Freikletterei.
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Tags darauf stapfe ich mit Langer durch triefenden, würzig riechenden Wald. Wir sind vom Beuthenfall aus durch dichtes Laub aufgestiegen. Der Regen will einfach nicht aufhören. Doch plötzlich geschieht, was jedem geschieht, der gedankenverloren durch den Nationalpark an der Oberelbe läuft: Ich erstarre vor einem steinernen Koloss, der aussieht, wie vom Himmel zwischen die Bäume gewuchtet. Meine Augen fliegen die Wände entlang, sehen Löcher und Lücken, Rippen und Leisten, Schwarten und Knollen. Mein Gott, was war hier nur los? Ich trete ein paar Schritte zurück, lege den Kopf in den Nacken und schaue nach oben, sehe Tafeln, Türme, Säulen, Zinnen, Pfeiler, Nadeln, Riffe. Eine bizarre Silhouette, als hätte ein monströses Bleigießen stattgefunden. "Das sind die Affensteine", sagt Langer. Die Menschen haben die Namensgebung wohl den Possen der Natur angepasst, die sich hier seit 100 Millionen Jahren abspielen.
Zur Kreidezeit war in dieser Region ein riesiges Meer. Sand und andere Sedimente lagerten sich ab und verdichteten sich zu Stein. Dann hob sich das Grundgebirge, das Wasser floss ab, eine gewaltige Sandsteinplatte blieb zurück. Durch Spannungen in der Erdkruste schob sich der Lausitzer Granit über ihren Rand; so entstanden Risse und Klüfte. Die Urelbe und ihre Nebenflüsse, danach die Schmelzwasser von Eiszeitgletschern frästen sie immer tiefer aus. Sonne, Wind und Frost sorgten für physikalische, Sickerwasser und Salze für chemische Verwitterung. Nirgendwo sonst in Europa wurde eine Landschaft von der Natur in so beeindruckenden Formen zerrissen. Dabei ist diese Gegend nicht mal ein Mittelgebirge, sondern allenfalls Hügelland. Die höchste Erhebung der Sächsischen Schweiz misst ganze 560 Meter. Dennoch zeigt sie vielerorts geradezu alpine Dramatik. Es gibt mehr als 1100 Kletterfelsen mit sage und schreibe 19 500 Aufstiegsrouten, und jedes Jahr kommen im Durchschnitt 300 hinzu. Und weil jeder Erstbegeher das Recht zur Routentaufe hat, lassen sich die Extremkraxler nur zu gern von der verrückten Felsanatomie inspirieren: "Reibungszauber" und "Pitbull", "Liebesknochen" und "Abstauberkante", "Erbe des Fluchs" und "Böses Erwachen", "Süße Sünde" und "Letzte Ölung". "Viele Namen versteht wirklich nur, wer zur Szene gehört", erklärt Langer, einer von 18 offiziellen Nationalparkführern.
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Die Sächsische Schweiz zieht jedes Jahr bis zu zweieinhalb Millionen Besucher an, darunter mehrere tausend organisierte wie auch unorganisierte Kletterfreaks. 1864 begann die Gipfelstürmerei mit fünf Turnern aus Bad Schandau, die ohne Seil und Karabiner, nur mit Mut und Gottvertrauen, den Falkenstein erklommen. Noch in allerjüngster Vergangenheit, in den Mangelzeiten des Sozialismus, galten die Sandstein-Sachsen als Weltmeister der Improvisation. Sie schneiderten sich Gurte aus Feuerwehrschläuchen, funktionierten Fußball- zu Kletterschuhen um, indem sie die Stollen durch Gummifelgen von Treckern ersetzten. Manche krallten sich barfuß in die Höhe. Sie waren, erzählt Langer, so etwas wie die Arbeiterelite des Systems. Wenn irgendwo in der DDR Plattenbauten rissig wurden, hingen sie mit Seil und Brett bis zu 14 Stockwerke hoch in der Luft, um Dichtungsmasse in die Fugen zu streichen. So trugen sie durch ihre Schwindelfreiheit dazu bei, die Fassaden des Systems zu stabilisieren. Dafür schrieben sie gern - mit anonymen Signaturen - ketzerische Kommentare gegen den Sozialismus in die Gipfelbücher. Einer taufte, kurz vor der Wende, seine Erstroute gar keck "Perestroika". Sie waren eben nicht nur Freikletterer, sondern beim Klettern auch frei.
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