Auf dem offenen Meer ist ein Tsunami kaum wahrzunehmen. Seine Wucht macht sich erst bemerkbar, wenn seine Wogen die Küste erreichen und ans Ufer branden. Manche technologischen Revolutionen kommen ebenso über uns. Die Welle läuft schon auf uns zu, aber sie wird noch nicht richtig wahrgenommen. Neben den Auswirkungen der Nanotechnologie dürfte die Revolution unseres Alltags durch den Computer gering erscheinen. Sie wird alles verändern - von der Kleidung, die wir tragen, über die Autos, die wir fahren, bis hin zu den Methoden, mit denen wir Krebs bekämpfen. Das Wichtigste, was man über Nanotechnologie wissen muss: Sie spielt sich in unvorstellbar kleinen Dimensionen ab. Die griechische Vorsilbe nano bedeutet "Zwerg". Ein Nanometer ist ein milliardstel Meter. Das ist eine so winzige Strecke, dass die meisten Vergleiche mit Dingen, die wir kennen, komisch wirken. Oder unfassbar. Ein Beispiel? Ein Komma in diesem Text ist rund 500 000 Nanometer breit. Oder so: Ein Nanometer ist die Länge, die ein Barthaar im Gesicht eines Mannes wächst, während er seinen Rasierapparat ans Gesicht führt.
Nanotechnologie ist so bedeutsam, weil vertraute Materialien in Nanogröße seltsame Eigenschaften entwickeln. Reißt man ein Stück Alufolie in winzige Streifen, so verhalten sie sich immer noch wie Aluminium, selbst wenn die Streifen so klein sind, dass man sie nur noch unter dem Mikroskop erkennt. Doch wenn man sie weiter zerteilt, ist irgendwann der Punkt erreicht - in diesem Fall bei 20 bis 30 Nanometern -, an dem die Stückchen explodieren können. Manche Ingenieure überlegen schon, Raketenbrennstoff mit Nanoaluminium anzureichern. Nicht alle Stoffe zeigen in diesen Dimensionen ein so nutzbares Verhalten. Doch die Tatsache, dass einige es tun, ist vielversprechend. Wissenschaftler sind dabei, auf dieser Grundlage neue Materialien zu entwickeln. Kunststoffe etwa, die elektrischen Strom leiten.
Stoffe verhalten sich im Nanobereich so magisch, weil dort - in atomaren und molekularen Dimensionen - die wesentlichen Eigenschaften von Materie festgelegt werden. Kalziumkarbonatbausteine etwa bilden in einer zickzackartig angeordneten Molekülstruktur brüchige, krümelige Kreide.
Stapelt man dieselben Moleküle geordnet wie Ziegelsteine, bilden sie die robusten, bunt schillernden Perlmuttschichten in der Schale der Abalonemuschel. Es ist der Traum aller Materialforscher, Stoffe mit beliebig gewünschten Eigenschaften herzustellen, indem man ihre atomare Struktur maßschneidert. Zu den hierfür benötigten Werkzeugen gehört das Rastertunnelmikroskop, durch das sich einzelne Atome betrachten und mit Hilfe einer äußerst feinen Spitze verschieben und verbinden lassen. Für die Erfindung dieses Werkzeugs erhielten Gerd Binnig und Heinrich Rohrer 1986 den Physiknobelpreis. Ein Exemplar ist heute im Deutschen Museum München zu sehen. "Nanomaterialien werden sein, was heute Kunststoff ist", sagt Paul Alivisatos. Der Physiker am Nanofertigungszentrum des staatlichen Lawrence-Berkeley-Labors in Kalifornien ist überzeugt: "Sie werden überall vorkommen: in den Skalpellen der Chirurgen ebenso wie in den Textilien, die wir tragen."
Die Nanotechnologie löst ähnliche Grundsatzdebatten aus, wie beispielsweise die Atomenergie und die Genmanipulation. Befürworter glauben an den Fortschritt, Gegner haben das abschreckende Beispiel von Goethes "Zauberlehrling" vor Augen. Wie stehen Sie zur Nanotechnologie? Senden Sie uns bitte Ihren Standpunkt unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.
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