Reinhold Messner: Allein gegen sich selbst

Artikel vom 01.11.2006  —  Autor: Caroline Alexander  —  Bilder: Vincent J. Musi

Hinter den Wehrmauern von Schloss Sigmundskron glühen die Dolomiten im Licht des späten Nachmittags. Mitten im riesigen Geviert der Ruine baut Reinhold Messner, der größte Alpinist der Welt, gerade einen Berg. Unter seiner energischen Anleitung hievt ein Bagger Felsbrocken hoch und stapelt sie zu einer kunstvollen Pyramide. "Das ist Kailas, der Heilige Berg", sagt Messner. Er genießt die Szene - das befriedigende Gefühl, Tibets heiligsten Berg hier hoch über der Stadt Bozen im Kleinformat erstehen zu sehen, aber auch, wie ich vermute, das ganze Getöse, Gepolter, den Staub und das Phantastische dieses Projekts. Die Kailas-Installation ist eine der vielen Attraktionen seines neuesten Messner Mountain Museum. Es ist dem Thema "Begegnung Mensch-Berg" gewidmet.

Reinhold Messner bewegt sich seit einiger Zeit in (wie er es nennt) Phase sechs seines Lebens. Und, wie es scheint, ohne Blick zurück auf Phase eins - als er zu den besten Felskletterern der Welt gehörte. Auch nicht auf Phase zwei - als er fraglos der weltbeste Höhenbergsteiger war. Heute ist der 62-Jährige dank einer Unmenge von Werbefotos aus den letzten drei Jahrzehnten seine eigene Legende: schlank und fit, mit inzwischen silbergrau meliertem, lockigem Haarschopf, den er noch länger trägt als in jüngeren Jahren. Sein Gesichtsausdruck wechselt zwischen zwei charakteristischen Varianten. Die erste ist ein durchdringender Blick, der ihm in Kombination mit buschigen Augenbrauen, welligem Bart und Haupthaar zeushafte Autorität verleiht. Die zweite sein typisches Lächeln, mit dem er nachdenklich die sehr weißen, ebenmäßigen Zähne entblößt. Ohne Unterschied strahlt es Freund und Feind an. Ein Krokodilslächeln.

Alleingang auf dem Mount Everest

Bild: Archiv Reinhold Messner Vergrößern

Dieses Lächeln zeigt er auch jetzt, als er sich den Höhepunkt der Eröffnung seines neuen Museums ausmalt: Ein gigantisches Feuerwerk soll aus den Burgmauern zischen und wie ein Vulkanausbruch den Abendhimmel zerreißen. "Viel Feuer und Rauch sollte es geben", sagt er genüsslich. Dann hält er kurz inne, um das Bild auszukosten, das wie eine katastrophale Detonation erscheinen würde. "Dann werden meine Freunde sagen: 'Wie schade', und meine Feinde: 'Gut. Das wär's. Endlich!'" Es mag schwierig sein, Nichtbergsteigern das Ausmaß der Leistungen Reinhold Messners klar zu machen. Eine Kostprobe: Mit seinem langjährigen Partner Peter Habeler bestieg er den Hidden Peak, den 8068 Meter hohen Gipfel des Gasherbrum I, einen der Giganten des Himalaja, und zwar ohne die Attribute des traditionellen Höhenbergsteigens - ohne Träger, Lager, Fixseile, Sauerstoff. Die Leistung wurde bejubelt, da sie völlig neue Standards setzte. Das war schon 1975, noch bevor Messner und Habeler den Mount Everest ohne Sauerstoffgerät bestiegen, ein Gewaltakt, der die Bergsteigerei an die absolute Grenze führte. Das war im Mai 1978 - drei Monate bevor Messner den Nanga Parbat, den neunthöchsten Berg der Erde, im Alleingang bezwang: ein Glanzstück, das als eines der waghalsigsten in die Annalen des Alpinismus einging. Das wiederum war, zwei Jahre bevor er den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff bezwang. Ausgerüstet lediglich mit einem kleinen Rucksack. Und allein. "Es ist sehr schwierig, das Höhenbergsteigen zu bewerten", sagt der Südtiroler Hans Kammerlander, der mit Messner auf sieben der 14 Achttausender der Welt war. "Es gibt keinen Schiedsrichter, keine Stoppuhr. Aber Reinhold hatte so viele neue Ideen - er fand neue Wege, neue Techniken. Er stellte sie sich vor, und dann setzte er sie in die Tat um."

Gasherbrum II, an der chinesisch-pakistanischen Grenze

Bild: Archiv Reinhold Messner Vergrößern

Vor allem aber prägte Messner eine unerbittliche Philosophie. "Ich bin nur an unseren Erfahrungen interessiert und nicht an den Bergen - ich bin kein Naturforscher", sagt er. "Ich interessiere mich allein dafür, was im Menschen vorgeht. William Blake schrieb, wenn Mensch und Berg sich begegnen, kann Großes geschehen", zitiert er sinngemäß eine seiner Lieblingszeilen des Dichters aus dem 18. Jahrhundert. Sie beschreiben auch die Philosophie seines neuen Museums. "Führt eine Autobahn auf den Everest, dann begegnet man dem Berg nicht mehr. Wenn alles vorbereitet ist und du einen Führer hast, der für deine Sicherheit verantwortlich ist, dann kannst du dem Berg nicht begegnen. Du kannst dem Berg nur begegnen, wenn du ganz auf dich selber gestellt bist."

Das neueste Messner Mountain Museum ist dem Thema "Begegnung Mensch-Berg" gewidmet. Haben auch Sie Erfahrungen mit dieser besonderen Art der Begegnung gemacht - abschreckende oder begeisternde? Schreiben Sie an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 11 / 2006)
Extras

Buch-Tipp: Mein Weg
Mein Weg. Bilanz eines Grenzgängers, von Reinhold Messner, herausgegeben von Ralf-Peter Märtin, Frederking & Thaler, München 2006. mehr...

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