Viele Forscher und noch mehr Fragen

Artikel vom 01.01.2006  —  Autor: James Shreeve
Spencer Wells mit Buschmännern

Bild: Mark Read Vergrößern

In aller Welt sammelt Spencer Wells Informationen über die Herkunft und Ausbreitung des Homo sapiens. Hier lässt er sich von Buschmännern im nördlichen Namibia die Besonderheiten des Spurenlesens erklären.

Auf der einen Seite standen die Wampanoag, auf der anderen englische Siedler: Im Jahr 1675 kam es in Neuengland zu einer blutigen Auseinandersetzung, die für die Indianer mit einer bitteren Niederlage endete. Ihr Häuptling Metacomet, den die Engländer King Philip nannten, hatte andere Stämme auf seine Seite gebracht, aber gegen die Schusswaffen der Engländer konnten seine Krieger nichts ausrichten. Ein Jahr später wurde Metacomets abgeschlagener, auf eine Stange gesteckter Kopf in der Stadt Plymouth zur Schau gestellt. Fast sein gesamtes Volk war getötet oder in die Sklaverei getrieben worden. In den folgenden 300 Jahren lebten die Nachkommen der Wampanoag am Rand der Gesellschaft, während rundherum das moderne Neuengland aufblühte.

An einem warmen Spätsommerabend des vergangenen Jahres versammelten sich ein paar Dutzend Angehörige der heutigen Wampanoag-Indianer in Seekonk im Bundesstaat Massachusetts. Einige trugen Baseballkappen mit aufgedruckten Slogans, die von indianischem Stolz kündeten, andere indianischen Schmuck, aber abgesehen davon, wirkten sie wie ganz durchschnittliche Arbeiter. Wie Leute, die man sonntags in den Baseballstadien trifft. Doch dies war keine gesellige Zusammenkunft. Die Angehörigen des Volks der Seaconke-Wampanoag waren gekommen, um sich Blut für ein weltweites Forschungsprojekt abnehmen zu lassen, das auch Licht in die Geschichte der Indianer bringen könnte - das Genographic-Projekt. Es wurde von der National Geographic Society ins Leben gerufen und wird von IBM und der Waitt Family Foundation maßgeblich unterstützt. Das Ziel: genetische Daten von 1000 indigenen Volksgruppen rund um die Welt zu sammeln, um ein besseres Verständnis der frühen Völkerwanderungen zu erlangen. Konzept und Leitung liegen in den Händen von Spencer Wells einem Explorer-in-Residence von NATIONAL GEOGRAPHIC. Das Projekt zählt zu den ehrgeizigsten und möglicherweise aufschlussreichsten wissenschaftlichen Vorhaben, die es je gegeben hat.

Aber es ist auch umstritten. Die Seaconke-Wampanoag nehmen als erste Gruppe aus den Vereinigten Staaten teil. Bei ihrem Treffen in Seekonk hatte der Molekularanthropologe Theodore Schurr von der Universität von Pennsylvania eine provisorische Blutabnahmestation eingerichtet. Der Forscher ist für die Koordination der genografischen Forschung in den USA zuständig. Im Rahmen der auf fünf Jahre angelegten Studie will er mit seinem Team die DNA von bis zu 100 indigenen Gruppen analysieren. Daraus erhofft man sich neue Erkenntnisse über die Besiedlung des amerikanischen Doppelkontinents. Andere Wissenschaftler werden versuchen, mehr über die frühen Wanderungen der Menschheit auf den anderen Kontinenten in Erfahrung zu bringen. Doch der Erfolg des Projekts hängt davon ab, ob sich die indigenen Gruppen beteiligen. Mehr als ein Dutzend vom Kaukasus bis nach Laos haben sich bereits angemeldet, einige hundert werden noch gebraucht. "Wenn für uns etwas dabei herauskommt", sagt George Silver Wolf Jennings, ein Chief der Seaconke-Wampanoag, "dann würde ich mir wünschen, dass auch andere Volksgruppen teilnehmen."


(NG, Heft 1 / 2006)
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