Wollen Sie Ihr Leben um zehn Jahre verlängern? Ein langes, gesundes Leben ist kein Zufall. Gute Gene sind natürlich wichtig, aber gute Gewohnheiten eben auch. Mit der richtigen Lebensweise, sagen Experten, steigt die Chance, zehn Jahre länger zu leben. Auf der Suche nach der Erfolgsformel haben Forscher die ganze Welt bereist - und ihre Arbeit schließlich auf Regionen konzentriert, in denen die Menschen überdurchschnittlich lange leben. Im Mittelmeerraum haben Demografen die Zentren der Langlebigkeit in Bergdörfern auf Sardinien ausgemacht; vor allem die Zahl der Männer über 100 ist dort erstaunlich hoch. Auf Okinawa und den umliegenden Inseln im Süden Japans leben Menschen, die weltweit mit das höchste Durchschnittsalter erreichen. Im kalifornischen Loma Linda erforschten Wissenschaftler eine Gruppe von Adventisten: Sie führen in den USA die Tabelle für langes Leben an. Alle drei Regionen zeichnen sich durch einen hohen Anteil vitaler 100-Jähriger aus, Krebs und Infarkte treffen sie deutlich seltener.
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Was einem an Ushi Okushima zuerst auffällt, das ist ihr Lachen. Es kommt tief aus dem Bauch, quillt empor und bricht wiehernd aus ihr heraus, bis der ganze Raum widerhallt. An diesem verregneten Nachmittag hat sie sich in ihrem kleinen Holzhaus in dem Dorf Ogimi warm in einen blauen Kimono gehüllt. Das prachtvolle Haar trägt sie nach hinten gekämmt, unter der bronzefarbenen Stirn blitzen wache grüne Augen. Die glatten Hände liegen in ihrem Schoß. Zu Ushis Füßen hocken ihre Freundinnen Setsuko und Matsu im Schneidersitz auf einer Matte und trinken Tee. Seit unserer letzten Begegnung vor fünf Jahren hat sie eine neue Arbeitsstelle angenommen und sich angewöhnt, Parfüm zu tragen. Als ich sie danach frage, witzelt sie, sie hätte einen neuen Freund. Ushi Okushima ist 103 Jahre alt. Mit durchschnittlich 78 Jahren bei Männern und 86 bei Frauen gehören die Okinawer weltweit zu den Menschen mit der höchsten Lebenserwartung. Und - noch wichtiger: Die meisten alten Menschen auf diesem subtropischen Archipel genießen ihre Jahre bei guter Gesundheit. Die Okinawer erkranken im Vergleich zu Amerikanern und Europäern seltener an Herzkrankheiten, an Brust- und Prostatakrebs und an Alzheimer. Das erbrachte die "Okinawa-Hundertjährigenstudie", in der die Lebensweise von mehr als 600 dieser Supersenioren in verschiedenen Ländern verglichen wurde.
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"Ein Schlüssel zum langen Leben der Okinawer ist ikigai", sagt der amerikanische Altersforscher Craig Willcox, der an der Studie mitarbeitete. Übersetzt bedeutet ikigai ungefähr "was das Leben lebenswert macht". Ältere Okinawer, sagt Willcox, haben - jeder für sich - einen ganz besonderen Grund, warum es sich zu leben lohnt. Ihr ikigai dient ihnen möglicherweise als Puffer zwischen Stress und Krankheiten. Viele gehören auch einem moai an, einem gegenseitigen Selbsthilfenetz, das während des gesamten Lebens finanziell, emotional und sozial Unterstützung bietet. Ein weiterer Faktor könnte die fettarme Ernährung sein. Darüber hinaus leben viele Okinawer, die vor dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, noch immer nach dem von Konfuzius inspirierten Sinnspruch hara hachi bu: "Iss, bis dein Bauch zu 80 Prozent voll ist." Sie halten Maß. Und sie bauen ihre Nahrung größtenteils selber an.
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Greg Plotnikoff, der an der Universität von Minnesota alternative Heilmethoden erforscht, nannte die Gärten der 100-Jährigen in Okinawa "Medizinschränkchen voller Vorsorgemittel": Dort wachsen Kräuter, Gewürze, Obst, Rettich, Knoblauch, Zwiebeln, Kohl, Gelbwurz und Tomaten. Sie enthalten Stoffe, die möglicherweise die Entstehung von Krebs verhindern. Dabei entstand diese Art der Ernährung aus der Not. Ushi Okushima wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihre Familie rang dem felsigen Boden Ogimis ein karges Auskommen ab. Sie baute Süßkartoffeln an, die Grundlage jeder Mahlzeit. Nur zum Neujahrsfest schlachtete ihr Dorf ein Schwein für alle. Heute wacht Ushi jeden Morgen um sechs Uhr auf und isst ein kleines Frühstück aus Milch, Bananen und Tomaten. Noch bis vor kurzem hat sie den größten Teil ihrer Lebensmittel selber angebaut. Ihr auf alten Traditionen beruhender Tagesablauf hat sich nicht groß verändert: Morgengebete zu den Ahnen, Tee mit Freundinnen, Mittagessen mit der Familie, ein Nachmittagsschläfchen, eine gesellige Stunde mit Freunden bei Sonnenuntergang und vor dem Zubettgehen ein Tässchen Sake - Reiswein - mit Beifuß. Als Einschlafhilfe.
In Ushis Haus neigt sich die Teestunde dem Ende zu. Draußen wird es dunkel, der Regen prasselt aufs Dach. Doch eine Frage habe ich noch: "Was ist Ushis ikigai?", also der Antrieb, den ältere Okinawer angeblich besitzen. "Es ist das lange Leben als solches", antwortet ihre Tochter für sie. "Sie macht der Familie und dem Dorf Ehre. Deshalb hat sie das Gefühl, dass sie weiterleben muss, auch wenn sie oft müde ist." Ich sehe Ushi an, gespannt auf ihre eigene Antwort. "Mein ikigai ist hier", sagt sie mit einer weiten Handbewegung, die Setsuko und Matsu umfasst. "Wenn sie sterben, werde ich mich auch fragen, wozu ich noch lebe."
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