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Für die meisten Menschen ist es heute eine Selbstverständlichkeit, dass die christliche Bibel aus dem Alten und dem Neuen Testament besteht und genau vier Evangelien enthält. In modernen Bibelausgaben findet man zwar geschichtliche Einführungen zu jedem biblischen Buch, aber die meisten Leser suchen wohl eher Orientierung für ihr Denken und Handeln als eine historisch-kritische Einordnung des Textes. Und so gehört die uns bekannte Bibel heute genauso fraglos zum Christentum wie zum Beispiel der Koran zum Islam. Das Christentum ist jedoch keine so genannte Buchreligion. Das Neue Testament enthält keinen einzigen Text, den Jesus selber geschrieben hat, sondern es ist das Ergebnis einer geschichtlichen Entwicklung, die sich über mehr als ein Jahrhundert hingezogen hat. Auch wenn es für uns nur schwer vorstellbar ist: Das Urchristentum hatte noch kein Neues Testament, in dem das Leben und die Botschaft Jesu Christi verbindlich bezeugt wurde.
Die Entdeckung des Judas-Evangeliums ist eine Sensation. Nicht für die historische Rekonstruktion des "Verrats" oder, historisch korrekter, der "Überlieferung" Jesu durch den historischen Judas. Sondern für die Geschichte des Christentums im 2. Jahrhundert. Da der um 180 schreibende Irenäus von Lyon das Judas-Evangelium in seinem Werk "Gegen die Häresien" ausdrücklich erwähnt hat, ist es mit großer Sicherheit in diese Zeit zu datieren. Damit kann man eine bestimmte Spielart gnostischen Denkens, die das Judas-Evangelium widerspiegelt, zeitlich klar einordnen: den Sethianismus.
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Die Gnostiker dieser Richtung beriefen sich auf den Adamssohn Seth (siehe Gen. 4,25), der ihnen, neben Kain und Abel, als Prototyp eines "anderen", dritten Geschlechts galt. Sethianer stützen sich in ihrer mythischen Lehre von der Weltentstehung auf weitgehend nichtchristliche Überlieferungen, wahrscheinlich aus der jüdischen Mythologie, die den Schöpfungsgedanken entwerten und negieren. Und sie versuchen, diese religiöse Botschaft als ihre Interpretation eines wahren Christentums auszugeben. Das Judas-Evangelium bezeugt, dass es eine frühe Form dieser sethianischen Gnosis schon in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts gab. Das wird der Erforschung der Religionsgeschichte dieser Zeit neuen Auftrieb geben. Selbsternannte Experten wie Dan Brown, der Autor des Bestsellers "Sakrileg", werden sich zwar kaum abhalten lassen, hier eine weitere unterdrückte "historische Wahrheit" zu finden. Nach der angeblichen Affäre mit Maria Magdalena demnächst vielleicht die "wahre Geschichte" über Jesus und Judas? Aber dabei würde es sich nur ein weiteres Mal um schlecht recherchierte Fiktion handeln.
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Es ist klar, dass der Judas dieses neuen Evangeliums mit dem historischen Judas nicht viel mehr als den Namen gemein hat. Auch dieser Text spricht ihn nicht davon frei, dass er Jesus "überliefert" hat, wie wir aus der ältesten Überlieferung wissen. Deshalb gibt es keinen Anlass für einen Freispruch. Man kann die provokative Darstellung aber zum Anlass nehmen, intensiver über das Judasbild im Neuen Testament nachzudenken. Und darüber, wie die in der Geschichte des Christentums tief sitzende Gleichsetzung des verräterischen und habgierigen Judas mit dem "Juden schlechthin" überwunden werden kann. Der historische Judas war weder habgierig noch einfach perfide, sondern die Motive für sein Handeln liegen für uns weitgehend im Dunkeln. So konnte der in Chicago lehrende Neutestamentler Hans-Josef Klauck schon vor mehr als 15 Jahren formulieren: "Man sollte Judas wie jedem Menschen das Recht zugestehen, sich gegen Jesus zu entscheiden."
Was hat den historischen Judas in seiner Entscheidung gegen Jesus motiviert? Auf diese Frage gibt auch das neue Judas-Evangelium keine Antwort. Damit steht man letztlich vor dem Problem des unde malum: vor der Frage nach dem Ursprung des Bösen in der Welt.
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