Regenwälder werden, wie jeder weiß, wegen ihrer Biodiversität geschätzt. Aber wenige Menschen bemerken die kaleidoskopische Vielfalt ihres Lichts: ätherisch und halluzinatorisch, gefiltert wie durch antikes Glas - anders als jedes andere Licht auf der Welt. Jetzt, in genau diesem Moment, ist der Dschungel blau - wie übergossen von indigofarbener, in Wasser aufgelöster Tinte, die Schatten tief wie das bläuliche Schimmern eines Gewehrlaufs. Musa Yambukas glitzernde Augen sind von einem verwaschenen, hellen Blau. Der Schweiß auf seinem Gesicht funkelt sternenblau. Er ist ein Mbuti-Pygmäe, ein kleiner, muskulöser Mann. Mit einem Speer kauert er hinter den Wurzeln eines Ficusbaums und wartet darauf, einen Blauducker zu erlegen. Die Szene ist 1000 und mehr Jahre alt.
Treiber kommen mit urtümlichen Schreien und Rufen durch den Wald, scheuchen das Wild vor sich her. Musa spannt sich an, gräbt seine Zehen ein, ist bereit zum Sprung, bereit, eine Kehle aufzuschlitzen. Im Blätterdach werden die Affen still. Ich höre das Flattern eines unsichtbaren Vogels. Diese Szene habe ich inzwischen 20-, vielleicht 30-mal gesehen. Seit Tagen wandern die Mbuti und ich zusammen durch den Dschungel der Demokratischen Republik Kongo . Pygmäen tun Dinge, die bei den meisten Menschen vor langer Zeit in Vergessenheit geraten sind. Sie treiben katzengroße Antilopen in Netze. Sie leben in vollkommener Harmonie mit Schmerz und plötzlichem Tod. Kneten Fußbälle aus dem Saft einer bestimmten Liane. Aber was mich verwirrt, mir fast ein wenig unheimlich wird, ist nicht das, was diese Menschen tun, sondern vielmehr das Licht, in dem sie es tun: dieses wundersame, rätselhafte Farbenreich, das nur die Mbuti kennen.
Um das Land der Mbuti zu erreichen - ein 60 000 Quadratkilometer großes Treibhaus namens Ituri-Wald -, muss man Männern folgen, die Fahrräder schieben. Das ist nicht schwer. Man sieht sie ameisengleich durch die Wildnis des östlichen Kongo trotten. In der Taille abgeknickt, meistens ausgemergelt, die Augen glasig vor Erschöpfung, schieben sie Fahrräder, die unter Bergen von Waren durchhängen. Sie transportieren Bündel mit Reis und Goldnuggets, Damenunterwäsche und Munition. Lebende Ziegen, Särge, Benzinkanister und Colakästen. Manche dieser Lasten kippen um und fallen in den Schlamm. Andere purzeln wie wild steile Hügel hinunter. Macht nichts. Langsam, mit abgestumpfter Geduld, bücken sich die Radfahrer und sammeln ihre ramponierten Waren wieder ein. Dann schleppen sie sich weiter, im Tempo einer schlurfenden Gefangenenkolonne, schieben ihre Lasten über den Bauch des Kontinents. Das sind die toleka, die Händler des Kongo. "Wir nehmen Medikamente, um auf den Beinen zu bleiben", berichtet eine "Vogelscheuche" namens Kambale Vivalya.
Vivalya lerne ich kennen, als er einen gewaltigen Sack billiger Plastikschuhe zu einer 500 Kilometer entfernten Goldmine auf der anderen Seite des Ituri schleppt. "Ich nehme Ibuprofen gegen Schmerzen und Indocin, um wach zu bleiben", sagt er. "Sonst schafft man es nicht. Viele sind schon bei dieser Schlepperei gestorben." Als wir uns trennen, schüttelt er mir höflich die Hand und wünscht mir Glück. Ich wische das Blut von seiner mit Blasen bedeckten Handfläche an meiner Hose ab. Wenige Länder dieser Welt sind so katastrophal auf der Strecke geblieben, haben sich so krass zu einer vorindustriellen Ruine zurückentwickelt wie die Demokratische Republik Kongo.
Einst Zaire genannt, wurde das Land in drei Jahrzehnten unter dem Diktator Mobutu Sese-Seko sauber abgenagt und dann durch mehr als sechs Jahre Anarchie und Bürgerkrieg völlig zerstört. Heute ist der Kongo ein niedergeschmetterter Koloss in Zentralafrika - ein Land fast so groß wie Mitteleuropa, das schlafwandlerisch in einen fiebrigen Traum der Postapokalypse gestolpert zu sein scheint.
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