Wölfe in Äthiopien

Artikel vom 06.05.2006  —  Autor: Virginia Morell  —  Bilder: Anup Shah

Auf dem Sanetti-Hochplateau in den äthiopischen Bale-Bergen bricht kalt und unbehaglich der Morgen an. Die ersten Sonnenstrahlen bringen keine Wärme. Es weht ein eisiger, schneidender Wind. Ich ziehe mir die Schalmütze übers Kinn, stampfe mit den Füßen auf das von Raureif bedeckte Gras und rufe mir zum wiederholten Male in Erinnerung, dass ich in Afrika bin. Plötzlich steht auf einem felsigen Vorsprung in etwa sieben Meter Entfernung eine Wölfin. Sie legt den Kopf in den Nacken und jault - fünf kurze, scharfe Rufe, die vier männliche Wölfe anlocken. Sie scharren mit den Pfoten, strecken sich und lecken einander schwanzwedelnd die Schnauzen. Ihr orangerotes Fell leuchtet und betont den schwarzweißen Schwanz, die helle Brustblesse und das leuchtende Weiß des Kehlfells, das sich in einem Bogen bis zu den Augen zieht und die Tiere aussehen lässt wie lachende Clowns.

Drei Wölfe spielen

Bild: Anup Shah Vergrößern

Dann stürzen sechs Welpen unter einem Felsen hervor. Ihre Mutter, die das Rudel zusammengerufen hat, begrüßt sie, säugt sie einen Moment lang und überlässt sie alsbald der Obhut eines jüngeren Weibchens. Die Vormittage verbringen ältere Wölfe meist mit Rundgängen. Flink traben die Wölfin und ihre Begleiter los, hintereinander springen sie über vereistes Gras und silbrige Helichrysum-Stauden. Ein Wolf streift die Wildtierbiologin Deborah Randall und mich mit einem Blick, als wollte er sagen: "Kommt ihr nicht mit?" Randall schultert Rucksack und Beobachtungsgerät. Wir machen uns auf, um den letzten Exemplaren dieser noch aus der Eiszeit stammenden Tierart durch eine der wenigen noch verbliebenen Kälteregionen Afrikas zu folgen.

Bale-Berge

Bild: Anup Shah Vergrößern

Vor etwa 100 000 Jahren, während einer weltweiten Eiszeit, bedeckten Gletscher die Gipfel und Ebenen der Bale-Berge. Eine kleine Zahl grauer, wolfsartiger Tiere wagte sich von Eurasien aus in diese unwirtliche Gegend vor. Nie aber schafften sie es weiter nach Afrika hinein, denn jenseits des äthiopischen Bergmassivs gab es nur noch Wüste. So lebten sie isoliert wie auf einer Insel und entwickelten sich zu einer eigenständigen und seltenen Wolfsart: Canis simensis. Forscher vermuten, dass insgesamt noch etwa 600 Exemplare dieser Art im Hochland Äthiopiens verstreut leben, die größte Gruppe von etwa 350 Tieren im Nationalpark Bale-Berge. Die äthiopischen Wölfe gehören zu den weltweit am stärksten gefährdeten Arten aus der Familie der Hundeartigen (Caniden). Sie stehen auf der Liste der bedrohten Arten der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN).

Welpen in der Obhut eines erwachsenen Wolfs

Bild: Anup Shah Vergrößern

Hier, auf fast 4000 Meter Höhe, teilen die Wölfe ihren Lebensraum mit den Bauern und Hirten des Volks der Oromo, die ihr Vieh und ihre Pferde häufig innerhalb des Parkgebiets weiden lassen. Die Oromo stören die Wölfe nicht, weil diese ihr Vieh nur selten angreifen. Oft sieht man die Wölfe inmitten der grasenden Nutztiere jagen - was ihnen den Namen jedalla farad (Pferdeschakal) eingebracht hat. Die äthiopischen Wölfe sind den Anblick von Menschen also gewohnt. Sie bemerken kaum, wenn Randall und andere Forscher vom Ethiopian Wolf Conservation Programme (EWCP), einem Gemeinschaftsprojekt der Universität Oxford und der äthiopischen Regierung, ihnen folgen.

Unzählige Tier- und Pflanzenarten sind bereits unbemerkt ausgestorben. Ähnlich verhält es sich vielleicht schon bald mit dem Canis simensis, von dessen Existenz nur Einheimische und Experten wissen. Welchen Wert hat in Ihren Augen der Schutz einer Kreatur, die nur den Wenigsten überhaupt ein Begriff ist? Senden Sie uns bitte Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.


(NG, Heft 5 / 2006)
Extras

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