Auf dem Dach der Arktis

Artikel vom 01.01.2007  —  Autor: Arved Fuchs  —  Bilder: Torsten Heller

Nichts ist schlimmer als der Morgen. Das langsame Erwachen in einem warmen Schlafsack und du weißt, dass du gleich die Geborgenheit gegen brutale 40 Grad minus tauschen musst. Vorsichtig öffne ich den Reißverschluss. Mein gefrorener Atem, der sich über Nacht in der Kapuzenumrandung gesammelt hat, rieselt mir eiskalt ins Gesicht. Doch es gibt kein Zurück. Die Kälte ist allgegenwärtig. Bevor ich den Benzinkocher anmachen kann, muss ich die Zeltwände mit einer Bürste vom Raureif befreien. Sonst würde die aufkommende Wärme das Eis schmelzen lassen und Zelt und Ausrüstung durchnässen. Feuchtigkeit ist neben der Kälte und dem Wind der schlimmste Feind des Polarreisenden. Die Kleidung muss immer trocken bleiben. Endlich kocht das geschmolzene Schneewasser, und wenig später lässt die erste Tasse heißen Kaffees die Welt schon freundlicher aussehen. Unser Team - drei Männer, eine Frau und elf Schlittenhunde - erwacht zum Leben.

Ellesmere Island im hohen Norden Kanadas. Die Idee zur Expedition auf diese abgelegene Insel, mehr als viermal so groß wie Dänemark, hatte ich bereits 1989, als ich vom Cape Columbia aus, ihrem nördlichsten Zipfel, zu einem 1000-Kilometer-Marsch über das Packeis zum Nordpol aufgebrochen war. Bei einem meiner Streifzüge in der Umgebung unseres Basislagers stand ich plötzlich vor einem Steinhaufen, aus dem verwitterte Ski und Bretter ragten - wohl der berühmte signpost des amerikanischen Forschers Robert Peary. Er war hier am 1. März 1909 zu seiner spektakulären Nordpolexpedition gestartet. "Die Entdeckung des Nordpols", schrieb er damals, "steht unvermeidlich für den Sieg des Mutes, der Hartnäckigkeit und der Ausdauer über alle Hindernisse... [Sie] bedeutet, dass das großartige gefrorene Juwel des Nordens, um den Menschen und Nationen über Jahrhunderte hinweg gekämpft haben und dafür gestorben sind, zum Schluss erreicht wurde und für alle Zeiten durch die Stars and Stripes gekennzeichnet ist."

Noch heute ist eine Nordpolexpedition das schwierigste Abenteuer im Polarbereich, das man wagen kann. Viel herausfordernder als eine Expedition zum Südpol, damals noch mehr als heute. Für Peary war allein schon die Anreise mit einem Schiff in den Norden von Ellesmere Island voller Gefahren - und eine navigatorische Meisterleistung. Ich wusste, dass der Forscher auf einer seiner vorangegangenen Expeditionen die gesamte Nordküste der Insel bereist und mehrere cairns -"Steinmänner" - errichtet hatte. 17 Jahre trug ich den Traum in mir, sie zu finden und diese Wildnis zu erkunden. Während ich aus dem Zelt trete, blicke ich ein wenig neidisch zu den Hunden hinüber, die friedlich schlafend, die Schnauze unter ihren Schwanz gesteckt, der Kälte trotzen. Zeit ihres Lebens sind diese Tiere den Launen des arktischen Klimas ausgesetzt. Sie werden draußen geboren und beenden draußen ihr Leben. Beheizte Räume kennen sie nicht. Sie sind nicht sehr schnell, dafür zäh, robust und ausdauernd. Jeder dieser Hunde zieht locker sein eigenes Körpergewicht von 35 bis 45 Kilo als Schlittenlast. Und das stunden-, tage-, wochenlang. Sie trotzen Stürmen und Kälte und begnügen sich einmal am Tag mit einem großen Stück steinhart gefrorenen Robbenfleischs. Das Futter, das der Mensch mit der Axt zerteilen muss, knacken ihre Kiefer scheinbar mühelos, und eh man sich versieht, sind die gefrorenen Klumpen in ihren Mägen verschwunden. Die Hunde gehören nicht mir. Ich habe sie von Larry Audlaluk, einem befreundeten Inuk aus dem nördlichsten kanadischen Dorf, Grise Fiord auf Ellesmere Island.

Ich traf Larry das erste Mal im Jahr 1980. Damals war ich noch unerfahren und brannte darauf, mehr über das Leben in den Polarregionen zu lernen. Der Inuk war einer meiner Lehrmeister. Auf Ausflügen unterwies er mich in der Handhabung der Hunde, zeigte mir, wie man Iglus baut und brachte mir in seiner sanften Art den Umgang mit Schnee, Eis und Kälte bei. Als ich ihn fragte, ob er mir ein Hundegespann für unsere Expedition besorgen könne, bot er mir spontan sein eigenes an. Für mich war das sowohl ein ungewöhnlicher Vertrauensbeweis wie auch Verpflichtung, alle elf Hunde wieder gesund zurückzubringen. Nach wenigen Tagen sind meine Fingerkuppen extrem empfindlich, und die Haut sieht aus und fühlt sich an wie Pergamentpapier. Der Frost hinterlässt auch Spuren in unseren Gesichtern. Torstens Wangen sind geschwollen, die Haut ist von der Kälte aufgeplatzt.

Ich weiß aus Erfahrung, dass sich diese Symptome zurückbilden, wenn die Temperatur steigt. Aber die nächsten Wochen wird es noch bitterkalt bleiben. "Man kann sich bis zu einem gewissen Grad an die Kälte gewöhnen", schrieb einst der norwegische Polarforscher Roald Amundsen, "aber aussöhnen kann man sich nicht mit ihr."

Auf seiner Expedition nach Ellesmere Island bekam Arved Fuchs die Folgen des Klimawandels deutlich zu spüren. Das Eis schmilzt unaufhörlich. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein? Sehen Sie für die Zukunft schwarz? Schreiben Sie an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 1 / 2007)
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