Bethlehem 2007 n. Chr.

Autor: Michael Fink  —  Bilder: Christopher Anderson

So sind Maria und Josef nicht nach Bethlehem gekommen. Man wartet an der Mauer. Ein abschreckendes Bauwerk, drei Stockwerke hoch, oben mit Stacheldraht besetzt. Israelische Soldaten mit Sturmgewehren prüfen die Papiere. Kein israelischer Zivilist darf hinein - auf Befehl des Militärs. Bethlehem und Jerusalem sind nur neun Kilometer voneinander entfernt. Aber es sind zwei verschiedene Welten. Die Zustellung einer Postkarte von der einen Stadt in die andere kann einen Monat dauern. Bethlehem liegt im Westjordanland (West Bank), auf dem Gebiet also, das die Israelis im Sechstagekrieg 1967 eroberten. Es ist eine palästinensische Stadt; die Mehrheit seiner 35 000 Einwohner sind Muslime. Im Jahr 1900 waren neun von zehn Menschen hier Christen, heute ist es noch jeder Dritte, Tendenz abnehmend. Mindestens ein Dutzend Selbstmordattentäter kamen aus Bethlehem und dem umliegenden Bezirk. Die Geburtsstadt Jesu aus der Weihnachtsgeschichte ist heute einer der umkämpftesten Orte der Erde.

Ein Jahrtausend vor Christi Geburt war Bethlehem als die Stadt König Davids bekannt, eines jüdischen Führers, der den Riesen Goliath mit einer Steinschleuder getötet haben soll. Die Juden herrschten nur selten in dieser Region, obwohl sie über Jahrhunderte die zahlenmäßig stärkste Bevölkerungsgruppe waren. Nach einer Reihe von schwachen Herrschern und Niederlagen durch die römische Armee wurden sie im 1. Jahrhundert n. Chr. aus dem Heiligen Land vertrieben. In den folgenden 2000 Jahren lebten sie in der ganzen Welt in der Diaspora. Währenddessen gewannen die Christen immer mehr an Bedeutung. Im 4. Jahrhundert wurde das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reichs, und Bethlehem entwickelte sich rasch zu einer seiner heiligsten Stätten. Zu Beginn des 7. Jahrhunderts entstand der Islam.

Ein Kaufmann namens Mohammed aus Mekka hörte im heutigen Saudi-Arabien eine Stimme, die er für die des Erzengels Gabriel hielt. Sie befahl ihm: "Trag vor." Mohammed prägte sich die darauf folgenden Worte ein. Daraus entstand der Koran. Nur ein Jahrhundert nach Mohammeds Tod im Jahr 632 hatte sich die von ihm gestiftete Religion im gesamten Nahen Osten ausgebreitet. Bethlehem blieb jahrhundertelang eine christliche Insel in einem stetig größer werdenden muslimischen Meer. Nach dem Krieg von 1948 kamen durch palästinensische Flüchtlinge noch mehr Muslime in die Gegend, aber Bethlehem blieb eine überwiegend christliche Stadt. 1967 bekam die Stadt durch den Sieg der Israelis abermals ein neues Gesicht, als sich jüdische Siedler im besetzten Westjordanland niederließen. Militante Palästinenser begannen, militärische und zivile Ziele anzugreifen.

Um zwei Uhr morgens bildet sich an den meisten Werktagen eine Menschenschlange auf der Bethlehemer Seite der Mauer. Es sind mehrere hundert Männer, die Arbeit in Israel suchen. Sie stehen in einem langen Stahlkäfig, ähnlich einem Laufgang für Rinder, und warten darauf, dass man sie durchsucht, abtastet, ihre Fingerabdrücke nimmt und sie mit dem Metalldetektor absucht. Manche müssen sich ausziehen. Der Vorgang kann bis zu zwei Stunden dauern. Um durchgelassen zu werden, muss man verheiratet sein und mindestens ein Kind haben. So hofft die israelische Armee, dass die Männer wieder zurückkommen.

Die Mauer, sagen die Palästinenser, schnürt einer ganzen Bevölkerung wegen der Taten einiger weniger die Luft ab. Sie sind davon überzeugt, dass die Israelis damit eine neue Staatsgrenze etablieren und sich die besten Gebiete, die sie 1967 eroberten, sichern wollen: die wenigen Wasserquellen, die fruchtbaren Felder. Die Stadt Bethlehem wird auf eine 18 Quadratkilometer große Fläche begrenzt, auf drei Seiten von einem Wall umgeben. Wenn die Mauer fertig ist, wird sie 724 Kilometer lang sein. Die israelische Regierung sagt, dass sie nur israelische Menschenleben schützen und nicht etwa die Grenze verschieben will. Sobald es einschneidende Veränderungen in der palästinensischen Israelpolitik gebe, werde die Mauer entfernt, das beschlagnahmte Land zurückgegeben. Der Wall, der Bethlehem zu großen Teilen umschließt, ist höher als die Mauern israelischer Gefängnisse.

Das Christentum mag in Bethlehem seinen Anfang genommen haben, aber dessen christliche Einwohner befinden sich heute in einer heiklen Lage. Die Israelis betrachten sie als Palästinenser. Für die Muslime sind sie die ungeliebten Christen. Sie selber sehen sich mal als Puffer zwischen den Fronten, dann als Prügelknaben für beide Seiten. Der Soziologe Bernard Sabella schätzt, dass in den vergangenen Jahren mehr als 3000 Christen die Stadt verlassen haben. "Und wer wandert aus? Es sind die Gebildeten, die Wohlhabenden, die politisch Moderaten, junge Familien. Jene, die vielleicht in der Lage wären, die Situation zu verändern. Die Unqualifizierten, Ungebildeten oder politisch Radikalen bekommen doch ohnehin kein Visum."

"Wir können hier nicht überleben", sagt das Oberhaupt einer christlichen Familie, das lieber anonym bleiben möchte. Die Stadtregierung werde im Grunde von der israelischen Armee gesteuert. Polizei und Gerichte hätten wenig Befugnisse. Die wirkliche Macht in Bethlehem liege jedoch in den Händen von Großfamilien, und die mächtigsten seien muslimisch. Mancher in Bethlehem sagt hinter vorgehaltener Hand, dass er froh wäre, wenn die Israelis die Stadt einfach übernehmen würden.

Die Spirale der Gewalt im Westjordanland dreht sich stetig weiter. Kaum eine Woche vergeht, ohne Nachrichten von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern. Glauben Sie, dass eine Mauer - wie jene in Bethlehem - wirklich für Ruhe sorgen wird? Welche Lösung könnte es sonst für den Konflikt geben? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 12 / 2007)
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