Das große Tauen

Artikel vom 01.06.2007  —  Autor: Tim Appenzeller

Es ist eine relativ neue Erkenntnis, dass Gletscher und Eisschilde sehr empfindlich sind. Statt gleichmäßig abzuschmelzen wie ein Eiswürfel an einem Sommertag, verstärkt sich der Vorgang durch verschiedene pyhsikalische Prozesse, wenn die Schmelze erst einmal begonnen hat. Schon bis zum Ende dieses Jahrhunderts könnten die meisten Alpengletscher verschwunden sein. Die Gletscher, denen der Glacier National Park in den Vereinigten Staaten seinen Namen verdankt, sogar schon bis 2030. Kleineren Gletschern in den Anden und im Himalaja bleiben bestenfalls ein paar Jahrzehnte. Und wie sieht die Prognose für die mächtigen Eispanzer aus, die Grönland und die Antarktis bedecken? Zurzeit traut sich darüber niemand eine Aussage zu, die Entwicklung hat sich einfach zu plötzlich beschleunigt. Eric Rignot, ein Wissenschaftler der Nasa, hat festgestellt, dass sich in Grönland der Eisverlust in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hat. Er sagt: "Was wir heute sehen, wäre uns noch vor fünf Jahren als völlig unmöglich erschienen."

Das Schicksal der Berggletscher ist bereits besiegelt. Millionen von Menschen in Ländern wie Bolivien, Peru und Indien, die heute für die Bewässerung ihrer Felder, für die Versorgung mit Trinkwasser und für ihre Wasserkraftwerke auf das Schmelzwasser angewiesen sind, könnten bald auf dem Trockenen sitzen. Gleichzeitig drohen viele Küstenregionen unterzugehen, wenn die globale Erwärmung fortschreitet. Es reicht, wenn nur Teile der Eisschilde Grönlands und der Antarktis schmelzen. Der steigende Meeresspiegel würde weltweit Hunderttausende von Quadratkilometern Land überfluten, nicht nur im vielzitierten Bangladesch, auch in Florida und in den Niederlanden. Millionen von Menschen müssten sich eine neue Heimat suchen.


(NG, Heft 6 / 2007)
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