Die Infanten der Inka

Artikel vom 01.08.2007  —  Autor: Carlos Widmann

Pizarros Sieg und der Kollaps des Inka-Reichs wurden durch einen Tabubruch ermöglicht. Am 16. November 1532 in Cajamarca wagte es der Konquistador, den wie einen Gott verehrten Atahualpa vor seinem Volk und seinen Kriegern zu demütigen. Der Inka-Herrscher kannte keine Schrift, kein Papier, weshalb er die Bibel, die ihm feierlich zum Kuss überreicht wurde, verständnislos in den Staub fallen ließ. Als die Christenmenschen daraufhin den Erben des Sonnengotts zu Boden warfen und gefangen nahmen, zerbrach ein 300 Jahre alter Zauber - und mit ihm das Weltbild der Inka. Die Spanier konnten ihren ersten entscheidenden Triumph über deren Imperium besiegeln.

In diesem Augenblick wurde "Lateinamerika" geboren, auch wenn es noch lange nicht so hieß. Die Indios verloren ihre Stimme, oder sie wurde ihnen genommen. Ein ganzer Kontinent begann, sich fast ausschließlich in der Sprache der Spanier und (in Brasilien) der Portugiesen zu artikulieren. Literatur auf Ketschua oder Aymara oder in anderen Indio-Sprachen ist in den Buchhandlungen von Lima nicht zu finden, es gibt sie ja auch kaum. Lateinamerikas erfolgreichste künstlerische Ausdrucksform wurde die Musik, die Elemente aus Europa und Westafrika vermischte. Samba, Salsa, Tango - diese Klänge künden weltweit vom latino, dem Menschen aus Lateinamerika. Musikwissenschaftler aber hätten es schwer, in diesem Kulturgut die Spur der Inka, Azteken oder Maya nachzuweisen.


(NG, Heft 8 / 2007)
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