Die Jagd auf den Narwal

Artikel vom 01.11.2007  —  Autor: Paul Nicklen  —  Bilder: Paul Nicklen

In der kanadischen Arktis ist die Rückkehr des Narwals jedes Mal ein lang erwartetes Ereignis. Nach monatelanger Dunkelheit und Temperaturen von bis zu minus 40 Grad weicht der Winter dem Frühling. Das Eis im Lancaster-Sound bricht auf, und die Wale nutzen die offenen Eisrinnen als Reiserouten durch das nördliche Polarmeer. In entlegenen Inuit-Siedlungen greifen die Männer, sobald sie von der Ankunft der Narwale hören, zu ihren Gewehren und machen sich auf den Weg zum Eisrand.

Wie die Inuit erwarte auch ich gespannt die Rückkehr der Wale mit den langen Stoßzähnen. Fast den ganzen Juni über haben mein Führer und ich auf dem Eis im Admiralty Inlet kampiert. Als wir endlich das Quietschen, Kreischen und Prusten der herannahenden Wale hören, klettern wir auf einen großen Eisblock und bejubeln ihre Ankunft. Anfangs ziehen die Narwale in Schulen von acht oder zehn Tieren vorbei, dann zu Hunderten in großen Prozessionen.

Am Nachmittag beginnt die Jagd und sie dauert die ganze dämmrige Nacht lang. In zwölf Stunden werden 109 Schüsse abgefeuert. Trotzdem liegen am Morgen nur neun tote Wale auf dem Eis. Es müssen doch mehr getroffen worden sein, denke ich. Ich frage die Jäger. "Ich habe zwei getroffen, aber nicht tödlich", sagt der eine. "Ich habe sieben versenkt, aber keinen an Land ziehen können", sagt ein anderer. Nicht zum ersten Mal höre ich von vielen angeschossenen, aber nicht erbeuteten Tieren. Erst vor wenigen Wochen erzählte mir ein erfahrener Jäger, dass er im vergangenen Jahr 14 Narwale getötet, aber nur einen an Land gebracht hat. Selbst für die besten Jäger ist das Erlegen und Bergen eines Narwals vom Eisrand aus eine große Herausforderung. Man muss gut treffen können und ein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt haben: Der Wal muss in dem Augenblick ins Rückgrat oder ins Gehirn getroffen werden, in dem er seine Lungen mit Luft füllt. Tötet man ihn im falschen Moment, geht er unter. Verwundet man ihn nur, schwimmt er davon und verendet weit entfernt oder erst viel später. Und etliche Narwale scheinen zu überleben. Ich sah schon einige mit mehreren Schusswunden.

Tierschützer sorgen sich um das langfristige Bestehen der Art. Niemand weiß genau, wie viele Narwale in der Arktis leben - Grönland und Kanada geben keine wissenschaftlich belegten Zahlen heraus. Schätzungen reichen von 40 000 bis zu 70 000. Das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) zählt Monodon monoceros zu jenen Tieren, bei denen durch den unkontrollierten Handel mit Körperteilen schnell riesige Populationen aussterben könnten. Die Vereinigten Staaten und Mexiko haben den Import sämtlicher Meeressäugerprodukte verboten. Dazu gehört auch Narwalelfenbein. Die Länder der EU verbieten die Einfuhr von allen Walprodukten. Doch der Verkauf in andere Teile der Welt lässt die Umsätze weiter steigen.

Um die Jagd besser zu koordinieren und mehr Kontrollfunktionen an die Inuit abzugeben, starteten Wildschutzbehörden und Jägergruppen 1999 das sogenannte gemeindebasierte Management. Die Vereinigungen der Inuit-Jäger erhielten die Befugnis, eigene Regeln zu erlassen und die Jagd und ihre Mitglieder selber zu überwachen. Alle sind sich einig, dass die Anleitung junger Jäger dringend erforderlich ist, um die Zahl der verlorenen Wale zu verringern. Das Erlegen eines Narwals ist für einen Jungen eine Auszeichnung - doch für viele Inuit gehört die Jagdausbildung nicht mehr zum Erwachsenwerden. "Die Inuit-Gesellschaft verändert sich so schnell", erklärt ein Beamter, "dass die Kommunikation zwischen Jung und Alt zusammenbricht." Dass er Recht hat, wurde mir bewusst, als ich einen 13-Jährigen einen ganzen Tag lang auf Narwale schießen sah. Er verwundete viele, brachte aber keinen an Land. Die Älteren standen dabei - und schwiegen.


(NG, Heft 11 / 2007)
Extras
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus