Die Welt der Sternendeuter

Artikel vom 01.03.2007  —  Autor: Hans-Joachim Löwer

Die Mystik dieses Orts ist überwältigend. Meine Augen sind geblendet von dem Feuerball, der hinter den Spitzen der Palisaden versinkt. Ich lege die Hand zum Schutz vor den Strahlen an die Stirn, nur so kann sich der Blick zu der Lücke tasten, in der die Sonne genau zur Wintersonnenwende untergehen wird. Wir stehen in der Mitte des rekonstruierten Kultplatzes, der vor fast 7000 Jahren geschaffen wurde, und lauschen gebannt unseren eigenen Stimmen. Exakt 1675 Eichenpfähle, in zwei konzentrischen Reihen zu einem blickdichten Kreis in den Boden gerammt, werfen die Schallwellen zu uns zurück. Das Echo klingt, als spreche da ein unsichtbarer Meister - der Herr des Himmels, der Herr der Zeit.

Sonnenwagen von Trundholm

Bild: Juraj Lipták/Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Vergrößern

Harald Meller, der Direktor des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, weist mit der Rechten zu den Öffnungen, die der zweieinhalb Meter hohen Rundwand ihre Bedeutung geben. Südosttor und Südwesttor zeigen genau auf Aufgang und Untergang der Sonne am 21. Dezember, Zaunlücken im Osten und im Westen zum Aufgang und Untergang am Tag der Sommersonnenwende sowie zum Untergang vor der Walpurgisnacht Anfang Mai. "Diese Tage markierten wesentlich den Kalender der Steinzeitmenschen", sagt Meller. "Denn es waren die wichtigsten Zeitpunkte, die das bäuerliche Jahr bestimmten."

Vor unserem geistigen Auge sehen wir Männer und Frauen in Stoffgewändern auf die Sonne starren. Sie teilen die Zeit nicht in Stunden und Minuten, sondern in Tag und Nacht, in Winter und Sommer, in Aussaat und Ernte, und ihre Uhr ist nichts anderes als der große glühende Ball. Wir sehen, wie sie die Schlüsseltage feiern, die den Rhythmus ihres Lebens vorgeben. Wie sie den Beistand der höheren Mächte erflehen, die alles auf der Erde entscheiden. Wie sie ihnen den Tribut zollen, der ihnen für ihre Hilfe zusteht. Denn damals, vor sieben Jahrtausenden, lebten die Menschen noch in einer mystischen Einheit mit den Göttern.

Kreisgrabanlagen von Goseck

Bild: Heiner Müller-Elsner Vergrößern

Die Kreisgrabenanlage bei Goseck, 40 Kilometer südlich von Halle, war ein Ort für die Zwiesprache mit höheren Mächten. Ein anderthalb Meter hoher Wall und ein anderthalb Meter tiefer Graben trennten zwei Welten, die irdische draußen und die überirdische drinnen; So entstand dieser Raum für das Sakrale. In einer Grube mit Brandspuren fanden die Archäologen Teile einer Hand. Überbleibsel einer rituellen Amputation? Ein Finger- oder Handopfer? "Wir sind noch ganz am Anfang", sagt Meller. Dabei schreitet er mit weit ausholenden Schritten durch das Rund, als wolle er die gewaltigen Räume der Zeit und des Denkens durchmessen, die uns von jener Epoche trennen. "Aber eines ist sicher. Dies war ein großes Bauwerk."
Als es errichtet wurde, sollte es noch mehr als 2000 Jahre dauern, bis die Ägypter ihre ersten Pyramiden errichten. Die Chinesen hatten gerade erst mit dem Nassreisanbau begonnen, und in Mesopotamien wurden erste Formen von Bewässerung entwickelt.

All die Einzelinformationen, die ein paar Hundert Bodendenkmalpfleger - ehrenamtliche Mitarbeiter der Behörden - über Jahrzehnte in Form von Keramik-, Metall- und Steinfunden gesammelt haben, fügen sich nun nach und nach zu einem größeren Bild zusammen. Durch den Neubau von Straßen und Autobahnen dringen die Menschen großflächig in den Untergrund ein - für Wissenschaftler die einmalige Chance, tiefer als je in die Vergangenheit vorzustoßen. "Diese Region", sagt Meller, "ist ein Geschichtsbuch der Völker, die keine Schrift besaßen."

Hamburger Planetarium

Bild: Heiner Müller-Elsner, Kenneth Garrett (kleines Foto linke Seite) Vergrößern

Die Spuren von prähistorischen Stätten wie Goseck bleiben dem menschlichen Auge zunächst verborgen. Nur aus der Luft, mithilfe von Kameras, zeigen Erdverfärbungen, wo sie einst standen. Zu DDR-Zeiten war die Luftbildarchäologie verboten. So versperrte die Angst vor dem Klassenfeind auch den Blick auf die Geschichte. Seit der Wiedervereinigung aber ist es, als öffne sich in Mitteldeutschland der Boden. Der Luftbildarchäologe Otto Braasch hat Goseck 1991 aus dem Flugzeug heraus entdeckt; bis heute wurden insgesamt 20 Kreisgrabenanlagen allein in Sachsen-Anhalt geortet, viele weitere in benachbarten Bundesländern. Riesige Ackerflächen, das Erbe der einstigen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, erleichtern es, ihre Konturen zu erkennen.

Was glauben Sie, warum war die Landschaft an der Saale einer der Knotenpunkte der frühen Jungsteinzeit-Menschen in Mitteldeutschland? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 3 / 2007)
Extras

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