Dinosaurier extrem

Artikel vom 01.12.2007  —  Autor: John Updike  —  Bilder: Ira Block

Wurden vor dem 19. Jahrhundert irgendwo Saurierknochen gefunden, hielt man sie für Überbleibsel von Drachen, Giganten oder Opfern der Sintflut . Heute, nach zwei Jahrhunderten paläontologischer Forschung, wirken die Erkenntnisse aber noch seltsamer als jede Fabel, und das Bild wird immer eigenartiger. Jedes Jahr kommen Dutzende neuer Arten ans Licht, zuletzt vor allem in China und Argentinien. Bei einigen der kürzlich entdeckten Exemplare fragt man sich unwillkürlich, warum die Natur solche Formen hervorgebracht hat. Welchen Vorteil boten die zwei Meter langen, mit drei riesigen Klauen ausgestatteten Arme von Deinocheirus? Oder, wenn wir schon bei den Armen sind: Wieso kam Mononykus, dieser Streber, mit einem einzigen klauenbewehrten Finger am Ende winzig kleiner Unterarme aus?

Amargasaurus

Bild: 422 South, Renegade 9 Vergrößern

Aber was soll man von extremen körperlichen Merkmalen halten, die auf den ersten Blick nutzlos erscheinen, beispielsweise von dem raffiniert geformten Kragen am Schädel des Styracosaurus oder den waagerecht abstehenden Reißzähnen des Masiakasaurus knopfleri, eines seltsamen Lebewesens aus der späten Kreidezeit, dessen fossile Überreste kürzlich in Madagaskar ausgegraben wurden? (Die Entdecker benannten das Tier übrigens nach Mark Knopfler, dem Sänger der Gruppe Dire Straits, deren Musik sie während der Grabungsarbeiten am liebsten hörten.) Allerdings: Wenn wir Masiakasaurus mit seinem Maul voller hakenförmiger, nach vorn abstehender Zähne als Kuriosität ansehen, dann sind auch Rüssel und Stoßzähne der Elefanten etwas Seltsames. Oder die Geweihschaufeln des Elchs.

Masiakasaurus

Bild: Pixeldust Studios Vergrößern

Die ersten Dinosaurier - kleine, auf zwei Beinen gehende Fleischfresser - erschienen in der Trias, vor 250 Millionen Jahren, in der ersten von drei Perioden im erdgeschichtlichen Zeitalter des Mesozoikums. Damals gab es nur einen einzigen riesigen Kontinent namens Pangäa. Im Jura, vor 200 Millionen Jahren, zerriss Pangäa in die beiden Kontinente Laurasia und Gondwana, und in der späten Kreidezeit schließlich, vor rund 65 Millionen Jahren, hatten alle Kontinente mehr oder weniger ihre heutige Form angenommen. Indien war allerdings noch eine Insel, die auf Asien zudriftete und später den Himalaja in die Höhe schob. Allmählich formte sich die Welt, wie wir sie heute kennen: Anden und Rocky Mountains stiegen hoch, die Blütenpflanzen entstanden und mit ihnen die Bienen. Das Klima war im Mesozoikum wärmer und feuchter als heute: Es ließ üppige Dickichte aus Farnen und Cycadeen entstehen, und selbst in der Nähe der Pole gediehen Wälder aus immergrünen Pflanzen, Ginkgos und Baumfarnen. Die pflanzenfressenden Dinosaurier wuchsen zu gewaltiger Größe heran, die fleischfressenden Arten rüsteten nach.

Tuojiangosaurus

Bild: Pixeldust Studios Vergrößern

Über die lange Ära der Dinosaurier hinweg wurden sie immer stachliger und knochiger, so als sei der Kampf ums Überleben stetig härter geworden. Dass aber solche Auswüchse an Schädel oder Rückenpanzer einen Vorteil bei Angriff oder Verteidigung bedeuteten, ist nicht so klar, wie es scheinen mag. Dinosaurier haben uns, was ihre Anpassung angeht, schon immer Rätsel aufgegeben. Wie konnten die riesigen Pflanzenfresser - Brachiosaurus, Apatosaurus oder Diplodocus - genug Nahrung aufnehmen, um ihren gewaltigen Darm zu füllen? Von den beiden weltweit bekannten Dinosauriern, deren Kampf auf Leben und Tod in einem Film von Walt Disney denkwürdig nachgespielt wurde, hatte T. rex erstaunlich kleine Arme, und Stegosaurus trug auf dem Rücken eine Doppelreihe aus Knochenplatten, die als Abwehrpanzerung kaum effektiv war. (Die beiden Arten sind sich übrigens tatsächlich nie begegnet; zwischen ihrem Auftritt in der Evolution lagen mindestens 70 Millionen Jahre.)

Allerdings müssen biologische Eigenschaften nicht unbedingt einen praktischen Nutzen bringen, damit sie erhalten bleiben. Manche Darwinisten lehnen sogar den Begriff "anpassungsorientiert" ab, weil sie darin eine Anspielung auf eine absichtsvolle Selbstverbesserung sehen. Sicher ist nur: Die Saurierskelette sind der Beweis, dass bestimmte Körperformen und -maße eine gewisse Zeit lang und in einer bestimmten Umwelt erfolgreich zur Erhaltung der Art waren. Die Dinosaurier besetzten während ihrer langen Herrschaft mehrmals jede ökologische Nische; die kleinsten Formen - zierliche, zweibeinige Räuber - bekamen Federn und wurden zu den Vögeln, die noch heute um uns herumschwirren und singen. Sie sind der bisherige Endpunkt einer verblüffenden Evolutionsgeschichte: von Deinonychus zum Dompfaff.

Der Autor John Updike meint, dass nicht eindeutig erwiesen sei, ob Auswüchse an Schädel oder Rückenpanzer der Dinosaurier wirklich nützlich waren. Wie sieht es heute aus? Was meinen Sie, wird das derzeitige Aussehen der Tiere nicht vielmehr durch die Evolution gerechtfertigt, und alle extremen körperlichen Merkmale sind funktional? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 12 / 2007)
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