Durch die Augen des Kondors

Artikel vom 01.08.2007  —  Autor: Marie Arana  —  Bilder: Robert B. Haas

Seit den Zeiten der Inka glauben wir Lateinamerikaner, dass wir wie Samen der Erde entspringen und dass das Leben ebenso Überfluss wie auch Verderben bringt. Das Land kann uns nähren oder zerstören. Wir sind die gesegneten und zugleich verfluchten Bewohner eines reichen, aber auch gefahrvollen Kontinents. Womöglich ist das der Grund dafür, dass die Inka die Sonne so verehrten und die Maya die Stufen ihrer Tempel scheinbar bis in den Himmel bauten. Dass die Konquistadoren auf Berge kletterten, um oben Kreuze aufzustellen. Wir wollen uns aus der Umklammerung der Erde befreien. Die Flügel spreizen. Fliegen. Wir sehnen uns danach, mit den Augen des Kondors zu sehen.

Ich bin in Peru geboren und fühle mich am wohlsten, wenn ich festen Boden unter den Füßen habe. Dann wurde ich eingeladen, meine Heimat gemeinsam mit "Bobby" Haas aus der Luft zu erkunden. Und so saß ich eines Tages, es war Herbst, auf dem hinteren Sitz eines kleinen Flugzeugs und klammerte mich mit aller Kraft fest, während es sich durch den Wind kämpfte. Wir überflogen den Callejón de Huaylas, eine üppig grüne Schlucht zwischen zwei Bergkämmen: der majestätischen, schneebedeckten Cordillera Blanca und der zerfurchten, braunen Cordillera Negra. Hier stand die Wiege einer der frühesten bekannten Kulturen Perus, der Chávin. Dieses Volk besaß hoch entwickelte Kenntnisse über die Landwirtschaft, von denen auch die späteren Kulturen der Moche und Inka profitierten. Die Callejón-Schlucht liegt auch in der Nähe einiger der höchsten Gipfel Südamerikas, wie etwa des spektakulären, 6770 Meter hohen Nevado Huascarán.

Lateinamerika ist voller Paradoxa. Wir genießen es, Besuchern von der Vielfalt der Landschaften zu erzählen: von den Küsten und Marschen, der Wüste, dem Dschungel, den Gebirgen und Archipelen. Die weißen Ausläufer der Anden liegen nicht weit vom undurchdringlichen Dschungeldach des Amazonasgebiets. Dort steigt das Wasser im November so hoch, dass die Jaguare schwimmen müssen wie die rosa Delfine. Erst bei unserem Flug wurde mir klar, wie nah diese Landschaften und Lebensformen beieinander liegen, und wie sehr sie voneinander abhängen. Nur ein paar Flugminuten trennen die frühlingsmilden Vororte von Lima am Pazifik von der windzerfurchten Wüste bei Chan Chan oder von den abweisenden Felsen, die einst die spanischen Eroberer mühsam überwinden mussten, um ins grüne Tal von Cajamarca zu gelangen. Der Kontinent ist auf Träumen errichtet. Das furchtlose Seefahrervolk der Alacaluf auf Feuerland träumte wie die Azteken in Mexiko von Größe, die erkämpft werden musste. Ebenso die Moche, die Maya und die Inka. Dann kamen die Spanier, und in ganz Europa war man gespannt, welche Wunderdinge sie zurückbringen würden. Gelehrte des 15. Jahrhunderts sahen vor ihren Augen ein Land, das von Zyklopen, furchtlosen Kriegerinnen und Männern mit Hundegesichtern bevölkert war.

Sie zeichneten das Bild einer Welt voller Magie und Erscheinungen: Jungbrunnen, ein Paradies der Sinne, Gold. Schon bevor Kolumbus in See stach, träumte er von einem Land, wie es noch niemand gesehen hatte. Und im 16. Jahrhundert, als der von ihm durch Zufall entdeckte Kontinent von Europäern besiedelt wurde, beschrieb der englische Staatsmann und Autor Thomas Morus ein Utopia, das dort Realität werden könnte.

Als Haas und ich durch die Lüfte schwebten, sah ich die Zuckerrohrfelder von Trujillo, auf denen ich als Kind gespielt hatte. Die raue Pazifikküste, die ich mit meinem Bruder hoch zu Pferde erkundet hatte. Das dichte Blätterdach des Regenwalds, unter dem meine Vorfahren versucht hatten, auf dem Amazonas bis ans Meer zu gelangen. Diese Landschaften erschienen seltsam losgelöst. Wenn wir die Erde so betrachten, geschieht etwas Seltsames: Die Menschheit wird zu einer Fußnote, und wir sehen uns so, wie wir wirklich sind - an die Natur gefesselt. Wir sind nicht mehr als Milben auf einer mächtigen Kugel.

Luftbildfotograf Robert B. Haas erstellte faszinierende Aufnahmen von Südamerika und Afrika. Welche Landschaften, Städte oder Regionen in Europa ergäben ähnlich spektakuläre Luftbilder? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 8 / 2007)
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