Wenn Mariam lächelt, blitzen ihre Zähne im dunklen Gesicht, und ein Dutzend geflochtene Zöpfe wippen um ihren Kopf. Sie ist elf Jahre alt und lebt in einem Dorf in Niger, mitten in der Sahelzone. Die Region zählt zu den trockensten der Erde. Mariam würde gern zur Schule gehen, aber in der Wüste wird jede Hand gebraucht, damit die Familie überleben kann: Wasser schöpfen, Ziegen hüten, Hirse stampfen. Mariam erzählt das in einem gurrenden Singsang, so klingt die Sprache der Tuareg. Wer Mariam kennenlernen möchte, muss bald nicht mehr in die afrikanische Wüste und Savanne reisen. Sondern nur nach Bremerhaven, wo im Frühjahr 2009 ein ungewöhnliches Ausstellungsgebäude eröffnet wird: das Klimahaus. Direkt an der Wesermündung, wo das Salz der Nordsee in der Luft liegt und die Möwen im Schlick nach Würmern stochern, steht bereits, fünf Stockwerke hoch, der Rohbau. Das Klimahaus liegt auf dem 8. Längengrad Ost, derselben geografischen Linie, die auch durch Mariams Dorf in Niger führt.
Bild: Ann Johansson, Lynsey Addario/Corbis (links) Vergrößern
Entlang dieser Linie, die vom Nordpol zum Südpol reicht, und von dort auf dem 172. Längengrad West auf der anderen Seite der Erdkugel nach Norden, soll der Besucher die verschiedenen Klimazonen der Erde erleben. Und er wird Menschen wie Mariam begegnen. Zwei Jahre lang ist ein Filmteam des Hamburger Unternehmens Kunstraum um die Welt gereist, um ihre Lebensräume vorzustellen. Daraus ist ein sechs Stunden langer Film entstanden, der, in viele Sequenzen zerlegt, zum Leitmotiv der Ausstellung wird. Die Orte dieser Reise werden im Klimahaus naturgetreu nachgebildet. In einem 36 Grad heißen Saal zum Beispiel ein originales Stück Wüstenboden, das aus Mariams Dorf stammt - mitsamt einer Akazie, die ebenfalls von dort schon an die Weser gebracht wurde. Tausende echte Fliegen werden den Besucher umschwirren, wenn er, aus allen Poren schwitzend, einen Wassersack aus der Tiefe eines nachgebauten Brunnens heraufkurbelt. Filme, Fotos und Gespräche zeigen Mariams beschwerliches Kinderleben. Den täglichen Kampf der Wüstenbewohner um Wasser, Nahrung und Gesundheit: Im Klimahaus wird man ihn mit allen Sinnen nachvollziehen können.
Bild: Ann Johansson, Mauritius Images/Photoresearcher (links) Vergrößern
Mariams Dorf ist eine von insgesamt neun Stationen, an denen der Besucher haltmachen kann. Von der trockenen Hitze des Niger geht die Tour weiter ins feuchtheiße Kamerun. In einem Ausstellungsraum, in dem gerade ein Betonbecken von der Größe eines Schwimmbads gegossen wurde, wird bald ein tropischer Fluss fließen. Warane huschen dann durchs dichte Buschwerk, Schmetterlingsfische und Buntbarsche gleiten durch hohe Aquarien. Lebensecht auch die Antarktis : ein Raum, der in einem Bereich auf 25 Grad unter null gekühlt wird. Und in Samoa wird ein nachgebildetes Korallenriff die Farbenpracht der Südsee zeigen. Die Bedrohungen durch den Klimawandel, die für den durchschnittlichen Nordeuropäer noch abstrakt sind - im Bremerhavener Klimahaus werden sie anschaulich. Dass die Gletscher abschmelzen, weiß jedes Kind. Doch erst wenn eine "Geröll-Lawine" aus 30 000 Tischtennisbällen über dem Besucher niedergegangen ist und wenn er von der Schweizer Bergbauernfamilie Infanger hört, wie ihre Lebensgrundlage, die Alm, buchstäblich ins Tal zu rutschen droht - erst dann begreift er, welche Folgen der Klimawandel haben wird. Staunen und mitfühlen, das ist das Konzept des Klimahauses. Die Besucher sollen betroffen sein - aber auch lachen. Sie soll eine große Sympathie für unseren Planeten erfassen und für alles, was darauf lebt. Die Ausstellungsmacher setzen auf die Emotionalisierung des Themas Klima.
Bild: Ann Johansson, Joanna B. Pinneo/Aurora (links) Vergrößern
Aufgewühlt geht der Besucher nach seiner "Reise" in den zweiten Ausstellungsbereich. Dort erfährt er, wie Wetter und Klima funktionieren. Wie entsteht ein Hurrikan? Was ist der Golfstrom? Warum ist die Sonne der wichtigste Klimamotor? Die Antworten darauf werden mit Unterstützung deutscher Forschungsinstitute wie dem Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut und dem Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg anschaulich aufbereitet. Solcherart auf den neuesten Stand der Klimaforschung gebracht, steigt der Besucher dann hinauf zum letzten Teil der Ausstellung. Im Obergeschoss des Gebäudes, wo der Blick durch die Glasfassade weit über Wesermündung und Wattenmeer reicht, bekommt er viele Antworten auf die eine Frage, die sich schon während der virtuellen Reise aufdrängte: Was kann ich tun, um dem Klimawandel entgegenzuwirken?
Auch hier will die Ausstellung sehr konkret werden. Im Fahrsimulator kann der Besucher treibstoffsparendes Autofahren trainieren. Beim Bummel durch einen nachgebauten Supermarkt erfährt er, welche Lebensmittel klimaschonender sind als andere. So wird beim Reis aus Trockenanbau weniger Methan, ein klimaschädliches Gas, frei als beim Feuchtanbau. Wer den Durchlauferhitzer seiner Dusche herunterdreht, kann viel CO2 vermeiden. Die persönliche Energiebilanz wird auf einem "Klima-Kontoauszug" gespeichert und hinterlegt. Setzt man die Handlungsanweisungen im Alltag um, steht beim nächsten Besuch im Klimahaus schon weniger auf der Soll-Seite.
Das Klimahaus Bremerhaven wird die Folgen des Klimawandels eindringlich vor Augen führen. Was glauben Sie, wird die Öffentlichkeit durch solche anschaulichen Großprojekte stärker für den Schutz unserer Erde sensibilisiert? Wie kann jeder Einzelne seinen Alltag klimaschonend gestalten? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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