Eine Zukunft voller Gefahren

Artikel vom 01.08.2007  —  Autor: Joel K. Bourne, Jr.  —  Bilder: Tyrone Turner

Der Hurrikan Katrina, die teuerste Naturkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten, war eine Warnung. Unmittelbar danach zeigten sich zwar viele Menschen entschlossen, ihre Stadt wieder aufzubauen. Doch bei Ingenieuren und Experten wächst das Bewusstsein, dass eine weitere Katastrophe unausweichlich ist - wenn nicht eine gewaltige nationale Anstrengung rechtzeitig für ausreichenden Schutz sorgt.

New Orleans liegt schon heute zum Teil fünf Meter unter dem Meeresspiegel. Und es sinkt bis zu 2,5 Zentimeter pro Jahr. Dämme und Deiche, die den Mississippi zähmen und die Schifffahrt erleichtern sollten, verhindern, dass sich im flussabwärts gelegenen Delta neue Sedimente absetzen. Vorgelagerte Feuchtgebiete, die einst die Stadt gegen Sturmfluten schützten, versanken deshalb schon im Wasser. Louisiana hat seit den dreißiger Jahren 5000 Quadratkilometer Küstenland verloren.

Allein die Hurrikane "Katrina" und Rita verschlangen 560 Quadratkilometer. Das Meer rückt näher. Gleichzeitig lässt die globale Erwärmung den Meeresspiegel schneller ansteigen als je zuvor seit dem Ende der letzten Eiszeit. Doch schon bevor das Wasser über alle Deiche läuft, könnte der nächste Hurrikan das Schicksal der Stadt besiegeln. Klimamodelle lassen befürchten, dass das aufgeheizte Oberflächenwasser des Ozeans immer mehr und immer heftigere Stürme auslösen wird.

Das Tragische an "Katrina" ist der Beweis, dass alle die Lektionen früherer Stürme vergessen haben. Nach der großen Überschwemmung von 1927 hatte New Orleans lautstark nach zusätzlichen Schutzmaßnahmen verlangt. In den folgenden Jahrzehnten entstand ein weitläufiges Netz aus Deichen und Abflusskanälen entlang des Flusses und rund um die Stadt. Das System wurde als Triumph der Technik über die Natur gefeiert. Doch schon vom ersten Tag an gab es bei den Deichen und Flutmauern Probleme mit dem weichen Untergrund. Die zur Verankerung tief in den Boden gerammten Stahlplatten "schwammen" im Schlamm, waren instabil und verschoben die aufliegenden Betonmauern.

Wie schwach das Fundament wirklich war, legte "Katrina" gnadenlos offen. Als der Hurrikan die Flutwellen bis auf gut einen Meter unterhalb der Mauerkrone trieb, kippten die Wände nach hinten. An ihrem Fuß entstand eine Bresche. Wasser strömte ein und traf auf eine dünne Lehmschicht, flüssig wie Gelee. Auf einer Länge von fast 140 Metern wurden Deiche und Flutmauern in die Stadt hineingedrückt. Fast 80 Prozent des Wassers, das den Stadtkern überflutete, kam durch diese Lücke. "Zehn Millionen Dollar mehr für Analysen des Untergrunds, und das System hätte nicht dermaßen versagt", stellt Ingenieur David Rogers fest, der die Bruchstellen untersuchte. "Die Konstruktion hat nicht annähernd so viel ausgehalten wie geplant." Heute leuchten größere, stärkere Flutmauern an den Einbruchstellen, der weiße Beton bildet einen krassen Gegensatz zu den immer noch verwüsteten Vierteln dahinter. Gewaltige neue Schleusentore können die Kanäle am Seeufer jederzeit schließen. Doch eine Sünde der Vergangenheit ist immer noch nicht repariert, das schwächste Glied im System, wie viele meinen: der rund 120 Kilometer lange Mississippi River Gulf Outlet Canal - "Mr. Go", wie die Einheimischen die Abkürzung MRGO aussprechen.

Diese Abkürzung zwischen dem Mississippi und dem Golf von Mexiko hatten die Ingenieure der US-Armee in den fünfziger und sechziger Jahren im Osten der Stadt angelegt.
Torbjörn Törnqvist, ein aus Holland stammender Küstengeologe, der jetzt an der Universität Tulane forscht, ist einer der wenigen Wissenschaftler, die in der aktuellen Situation auch Gutes sehen. Für ihn ist der Kampf von New Orleans gegen den steigenden Meeresspiegel und stärkere Stürme ein Modell dafür, was bald auch anderen Küstenstädten droht. Törnqvists Vision ist eine Stadtlandschaft, die dem Klimawandel angepasst ist, mit renaturierten Feuchtgebieten und Hightechschleusen wie in den Niederlanden. New Orleans würde sauberer, grüner - und dichter besiedelt. Die gesamte Vor-"Katrina"-Bevölkerung könne bequem in den Teilen der Stadt leben, die nicht überflutet wurden, sagt er.

Dazu müsse man nur Lagerhallen und verwahrloste Bezirke auf dem höher gelegenen Grund in moderne Wohnviertel umwandeln. "Wir haben hier eine riesige Chance", sagt Törnqvist, der sich nicht vorstellen kann, dass Holland Amsterdam aufgibt oder Italien Venedig. "Wenn wir uns davonmachen, verpassen wir eine phantastische Gelegenheit, Dinge zu lernen, die in 50 Jahren in Miami oder Boston oder New York nützlich sein können."

Aufgrund der zahlreichen Überschwemmungen in der Vergangenheit, sehen die Prognosen für New Orleans nicht gut aus. Glauben Sie, dass es sinnvoll ist, weiterhin Milliarden US-Dollar in Schutzmaßnahmen zu stecken? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 8 / 2007)
Extras
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus