Er ordnete die Natur

Artikel vom 01.06.2007  —  Autor: David Quammen  —  Bilder: Helene Schmitz

Als am 23. Mai 1707 in dem kleinen Dorf Råshult die Frau des Dorfgeistlichen einen Sohn zur Welt bringt, herrscht in Schweden noch Frühling. Es ist eine nackte Jahreszeit. Der Boden ist feucht, die Bäume knospen, aber blühen noch nicht, als das Baby geboren wird. Nils Linné, der Vater des Kindes, ist lutherischer Pfarrer und begeisterter Laienbotaniker. Seinen Nachnamen hat er selber aus dem Wort lind (Linde) gebildet - eine bürokratische Notwendigkeit für den Eintritt in die Universität, für den der Vatersname "Sohn des Ingemar" nicht ausreichte. Die Mutter des Kindes, eine Pfarrerstochter namens Christina, ist erst 18. Sie taufen den Jungen auf den Namen Carl. In den Mythen, die sich um die Jugend des Mannes ranken, der später zum wichtigsten Botaniker der Welt werden sollte, heißt es, die Eltern hätten seine Wiege mit Blumen geschmückt.

Wenn Carl als kleines Kind schlechte Laune hat, geben ihm die Eltern eine Blume in die Hand. Das beruhigt ihn. Blumen wecken seine Begeisterung für die Natur. Schnell wächst Carl zu einem Knaben heran, der sich nicht nur für die Schönheit der Pflanzen, sondern auch für deren Namen interessiert. Er drängt seinen Vater, ihm die Namen der Wildblumen zu nennen, die sie sammeln. "Doch er war noch klein und vergaß sie oft wieder", heißt es in einem Bericht. Einmal wird sein Vater ungeduldig und schimpft mit seinem Sohn. "Er sagte, er würde ihm keine Namen mehr verraten, wenn er sie weiter vergessen würde. Danach konzentrierte sich der Junge sehr, alle Pflanzennamen auswendig zu lernen, damit man ihm seine größte Freude nicht nehmen würde."

Später sollte Carl Linné viel mehr werden als ein Botaniker und Sammler von Pflanzennamen. Er wurde zum Architekten, der alles Wissen über die Natur in ein System zu fügen versuchte. Liest man eine Kurzbiografie über Linné in einem Lexikon, so erfährt man, dass er der "Vater der Taxonomie" - also der biologischen Klassifikation - ist. Und dass er das lateinische Binärsystem zur Benennung der Arten geschaffen hat, das heute noch verwendet wird. Das stimmt alles, vermittelt aber nicht, was diesen Mann für die Biologie so wichtig macht. Man liest vielleicht auch, dass er für den Menschen den Artnamen Homo sapiens prägte und es wagte, ihn in die gleiche Säugetierklasse wie Affen und Menschenaffen einzuordnen. Auch das trifft zu, ist allerdings missverständlich. Linné war kein Evolutionist. Er hing der zu seiner Zeit vorherrschenden Naturtheologie an, die davon ausging, dass das Studium der Natur die göttliche Schöpfung und Ordnungsliebe offenbare.

Aber Linné studierte die Natur nicht nur als Gottsuchender, sondern auch um ihrer selbst willen. Jeden noch so winzigen Teil der Tier- und Pflanzenwelt wollte er entdecken, begreifen, benennen und kategorisieren.

Dafür war nicht nur genaues Beobachten vonnöten, sondern auch ein Modell, das Ordnung in die Masse der Erscheinungsformen zu bringen vermochte. Im Frühjahr 1732, kurz vor seinem 25. Geburtstag, bricht Linné zu einer Expedition durch Lappland auf. Die wilde Nordregion des schwedischen Königreichs ist nur spärlich vom Volk der Samen besiedelt, die dort Rentiere halten. In fünf Monaten legt er zu Fuss, per Boot und auf dem Pferd etwa 3500 Kilometer zurück. Er legt Sammlungen an, macht sich Notizen. Er interessiert sich für alles - Vögel, Insekten, Fische, Geologie, die Gebräuche der Samen -, aber ganz besonders für die Pflanzen. Er füllt seine Tagebücher mit Zeichnungen. Teils sind es grobe Skizzen, andere sind filigran und von größter Genauigkeit. Schließlich verfasst er das Buch "Flora Lapponica", in dem er die von ihm gesammelten Informationen über die Flora Lapplands zusammenfasst.

Linné reiste selber nicht so gerne durch die Welt, um neue Arten zu entdecken, viel eher baute er sich ein weltumspannendes Informationsnetz auf und schickte seine besten Studenten auf Expeditionen. Was halten Sie von dieser Art der Forschung? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 6 / 2007)
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