Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich an jeden einzelnen Tag Ihres Lebens erinnern. In Kalifornien lebt eine Frau, die kann das, zurück bis zu ihrem elften Lebensjahr. In der Fachliteratur heißt die 41-jährige Verwaltungsassistentin nur "AJ". Und dann gibt es "EP", einen 85-jährigen Rentner, der sich nur gerade an seinen allerletzten Gedanken erinnern kann. "AJ" hat vielleicht das beste Gedächtnis der Welt, "EP" gar keines. "Meine Erinnerungen laufen ab wie ein Film, ununterbrochen und unkontrollierbar", sagt "AJ". Sie weiß noch, wie ein Mann, den sie nett fand, am Sonntag, den 3. August 1986, bei ihr anrief, um 12.34 Uhr. Sie kann sich erinnern, was in der TV-Serie "Murphy Brown" am 12. Dezember 1988 geschah. In ihrem Kopf ist jeder Tag präsent. "AJs" Gedächtnis ist insofern einzigartig, als es nicht irgendwelche Fakten speichert, sondern ihr eigenes Leben. Das Phänomen ihrer unerschöpflichen Erinnerung an autobiografische Details ist so beispiellos, dass die Neurowissenschaftler der Universität Irvine in Kalifornien, die seit sieben Jahren mit ihr arbeiten, einen neuen medizinischen Fachbegriff für ihren Zustand prägen mussten: Hyperthymestisches Syndrom.
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Der andere Pol ist "EP". Auf den ersten Blick wirkt er wie ein netter, durchschnittlicher Großvater. Vor 15 Jahren hat sich das Herpes-simplex-Virus durch sein Hirn gefressen, wodurch er den größten Teil seines Gedächtnisses verloren hat. "EP" leidet an zwei Formen von Gedächtnisschwund (Amnesie): Die anterograde Amnesie bewirkt, dass er keine neuen Erinnerungen speichern kann; die retrograde Amnesie, dass er auch alte Erinnerungen nicht mehr abrufen kann, jedenfalls keine aus der Zeit nach 1960. Seit seiner Amnesie existiert Raum für "EP" nur so weit, wie er ihn sehen kann. Morgens steht "EP" auf und frühstückt. Dann geht er wieder ins Bett und hört Radio. Aber wenn er so im Bett liegt, weiß er nicht mehr, ob er schon gefrühstückt hat oder gerade erst aufgewacht ist. Oft macht er dann noch einmal Frühstück, um anschließend erneut ins Bett zu gehen und Radio zu hören.
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In der Frage, wie viele Gedächtnissysteme es gibt, sind sich die Forscher nicht einig, doch generell unterscheiden sie zwei Formen von Erinnerungen: explizite und implizite. Explizite Erinnerungen sind solche, von denen wir wissen, dass wir sie haben, wie die Farbe unseres Autos (auch semantische Erinnerungen) oder unsere Erlebnisse von gestern (episodische Erinnerungen). "EP" kann keine neuen expliziten Erinnerungen mehr bilden. Implizite Erinnerungen besitzen wir, ohne bewusst daran zu denken, beispielsweise wie man Fahrrad fährt. Solche impliziten Erinnerungen werden ohne den Hippocampus gefestigt und gespeichert. Sie spielen sich in völlig anderen Hirnregionen ab. Wie man an "EP" sieht, funktioniert das übrige Gehirn auch dann noch, wenn ein Teil geschädigt ist. Alle Bilder, mit denen wir manchmal das Phänomen der Erinnerung beschreiben - Foto, Tonband, Spiegel, Festplatte im Computer -, legen eine mechanische Genauigkeit nahe, so als würde das Gehirn unsere Erlebnisse präzise aufzeichnen. Lange Zeit war man überzeugt, unser Gehirn sei ein perfektes Aufzeichnungsgerät, das die Erinnerungen unseres ganzen Lebens festhält. Wenn wir uns an etwas nicht erinnern, hieße das nicht, dass die Erinnerung nicht mehr da wäre, sondern dass wir darauf nicht mehr zugreifen könnten. Aber auch wenn wohl jeder schon einmal erlebt hat, dass längst vergessene Episoden aus der eigenen Vergangenheit plötzlich wieder ins Bewusstsein rücken, sind heute die meisten Fachleute der Ansicht, dass es sich weniger um Erinnerungen als um Phantasien oder Halluzinationen handelte.
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Doch im letzten Jahrtausend hat sich für viele Menschen etwas Entscheidendes verändert. Wir haben unser internes Gedächtnis durch ein "äußeres Gedächtnis" ergänzt, durch technische Hilfsmittel - vom Buch bis zum Computer -, die uns erlauben, Informationen nicht nur im eigenen Gehirn speichern zu müssen. Man könnte auch sagen: Früher haben wir uns alles gemerkt, heute merken wir uns kaum noch etwas. Den Beginn ihres ungewöhnlichen Erinnerungsvermögens macht "AJ" daran fest, dass ihre Familie von New Jersey nach Kalifornien zog, als sie acht Jahre alt war. In New Jersey war das Leben vertraut gewesen, in Kalifornien war alles seltsam und fremd. "Aber ich hasse Veränderungen. Deswegen wollte ich in der Lage sein, alles festzuhalten." Für den Psychologieprofessor K. Anders Ericsson von der Universität Florida unterscheidet sich "AJ" eigentlich nicht sehr von anderen. Er vermutet, ihre Gedächtnisleistung sei das Ergebnis ihrer Fixierung auf die eigene Vergangenheit. "Ich habe ein gutes Gedächtnis, das ist angenehm", sagt sie. "Aber ich erinnere mich auch an die schlimmen Dinge - an jede schlechte Entscheidung. Ich kann einfach nicht vergessen. Wie gern wäre ich nur für fünf Minuten ein normaler Mensch ohne dieses ganze Zeug im Kopf."
Unsere Erlebnisse halten wir auf Fotos fest, Kalender bestimmen über unsere Termine, Bücher und das Internet speichern das Allgemeinwissen, kleine gelbe Zettel sagen uns, was wir noch tun wollen. Was glauben Sie, welchen Effekt hat diese Auslagerung des Gedächtnisses auf uns selber und unsere Gesellschaft? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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