Federn der Verführung

Artikel vom 01.07.2007  —  Autor: Jennifer S. Holland  —  Bilder: Tim Laman

Seine Verbeugung ist tief und würdevoll, auch wenn sich sein Umhang aus samtschwarzen Federn dabei hebt und blasse Flanken entblößt. Mit den drahtigen Schmuckfedern seines Kopfes tippt er auf die Erde - eins, zwei, eins, zwei. Seine Bühne ist ein Stück Waldboden, das er von Zweigen und Blättern freigeräumt hatte. Dann streute er Wurzeln aus wie Blüten auf den Weg einer Braut. Sein Publikum? Eine Reihe flatterhafter Weibchen auf einem Ast direkt über ihm. Ihre Aufmerksamkeit ist flüchtig, deshalb legt er nun los, stakst auf dünnen Beinchen einher wie eine Ballerina beim Spitzentanz. Kunstpause. Dann folgt der Dschungelboogie. Sein Hals senkt sich, der Kopf ruckt auf und ab, er rüttelt sich und schüttelt sich, die Schmuckfedern wippen im Takt. Seine Vorführung wirkt: Das ihm am nächsten sitzende Weibchen bebt einladend, und der Tänzer stürzt sich mit einem Triumphschrei auf es. Im Federwirbel kann man nicht erkennen, ob die Paarung klappt. Egal, gleich beginnt die nächste Vorstellung.

Hier im feuchten Rankendickicht des Dschungels von Neuguinea läuft ein verblüffendes Schauspiel der Natur: der Balztanz der Paradiesvögel. Nirgendwo sonst auf der Welt werben Männchen so aufwendig um die Weibchen. Sie stolzieren in Kostümen umher, die gut auf eine Bühne in Las Vegas oder Paris passen würden; Umhänge aus kurzen Federn, schillernde Brustschilde, Kopfbänder, Hauben, Bärte, Kehllappen und Federn wie gezwirbelte Schnauzbärte. Knallige Rot-, Blau- und Gelbtöne heben sich leuchtend vom Grün des Waldes ab. Was die Weibchen an dieser Mischung aus Kostüm und Choreografie am meisten erregt? Je ausgefallener, desto besser, so scheint’s. Paradiesvögel sind entfernte Vettern unserer Raben und Krähen, aber sie sitzen auf einem extrem phantastischen Ast des Vogelstammbaums. Vor Millionen von Jahren hat ihre Entwicklung einen eigenen Weg eingeschlagen. Heute gibt es 38 verschiedene Arten; 34 davon kommen ausschließlich auf Neuguinea und den angrenzenden Inseln vor.

Einige der ersten Exemplare, die man im Westen zu Gesicht bekam, waren Geschenke der Neuguineer an europäische Könige. Der Weltumsegler Magellan brachte sie 1522 an Bord eines seiner Schiffe mit nach Spanien. Man munkelte, diese außergewöhnlichen Vögel kämen direkt aus dem Himmel, wo sie durch das Paradies schwebten, ohne je den Erdboden zu berühren. Ursache dieser Legende könnte sein, dass den Bälgen, bevor sie in den Handel kamen, oft Füße und Flügel abgeschnitten wurden.

Noch mehr staunten die ersten Reisenden beim Anblick der Vögel in der Wildnis: "Ich hielt das Gewehr nur schlaff in der Hand; ich war zu verwundert, um zu schießen", gestand der Naturforscher René Lesson, der Neuguinea 1824 besuchte und von dem der erste Augenzeugenbericht stammt. "Der Vogel war wie ein Meteor. Während sein Körper vorbeiflog, schien er eine Spur aus Licht hinter sich herzuziehen."

Prachtparadiesvogel, Königsparadiesvogel, Kaiserparadiesvogel, Göttervogel: Die westlichen Entdecker überboten sich bei der Benennung der wundersamen Arten - und schürten jahrzehntelang die Gier nach ihren Federn. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreichten Jagd und Handel ihren Höhepunkt. Jährlich wurden etwa 80 000 Vogelbälge aus Neuguinea ausgeführt - als Schmuck für Damenhüte. Dann schlugen Tierschützer in Europa und den USA Alarm, das Schlachten ließ nach.

1908 verboten die Briten die kommerzielle Jagd in den Teilen von Neuguinea, in denen sie regierten. Die Holländer folgten ihrem Beispiel 1931. Heute verlässt kein Paradiesvogel die Insel mehr legal. Einzige Ausnahme: zu Forschungszwecken.


(NG, Heft 7 / 2007)
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