Geishas - Japans Traumfrauen

Artikel vom 01.08.2007  —  Autor: Jodi Cobb  —  Bilder: Jodi Cobb

Die Geisha-Bezirke von Kyoto, das sind nahtlose Reihen alter Holzfassaden und kleine Häuser, deren Bambusrollos jeden Blick ins Innere verwehren. Die Welt der Geishas gibt ihre Geheimnisse nicht so einfach preis. "Wie der Gangster von Chicago und der englische Gentleman ist die Geisha eine Ikone ihres Landes", schreibt der niederländische Schriftsteller Ian Buruma, der sich seit geraumer Zeit mit der japanischen Kultur beschäftigt. "Sie entspricht der idealisierten Vorstellung von Weiblichkeit, indem sie Verhaltensweisen stilisiert. Ihre Gabe ist nicht unbedingt ihre Schönheit, sondern ihre Fähigkeit der Darstellung." Schon seit langem. In Kyoto und in den Vergnügungsvierteln von Tokio und Osaka unterhielten die ersten Geishas im 17. Jahrhundert ihre Kunden mit Tanz und Musik. Zu Beginn waren es Männer, aber seit Mitte des 18. Jahrhunderts dominieren Frauen dieses Gewerbe.

In früher Zeit waren viele Geishas noch Sexsklaven, manche die Töchter von Prostituierten, andere von ihren Eltern verkauft, von ihren Männern verlassen. Die Kultur und die Zwänge, in der sie ihre Rolle spielen mussten, konnten sie nicht verändern. Also schufen sie eine Welt der Schönheit und gestalteten sich zur perfekten Frau: zum lebenden Kunstwerk. Daraus bezogen sie ihren Stolz und ihr Seelenheil.

In der heutigen Zeit ist die Geisha die Aristokratin in einem Gewerbe, das sich über Jahrhunderte entwickelt hat, um die sinnlichen Begierden japanischer Männer zu befriedigen. Doch sie ist keine Prostituierte. Erfüllt die Geisha sexuelle Wünsche, so tut sie es aus eigenem Ermessen oder als Teil einer länger dauernden Beziehung.

Geishas bieten keinen Sex, jedenfalls nicht billig und für jeden; sie haben Gönner. Ihre Aufgabe ist es, den Traum von Luxus, Romantik, Exklusivität zu verkaufen. Ihre Kunden sind die Reichen und Mächtigen des Landes. Bei geschäftlichen Verhandlungen in edlen Restaurants und Teehäusern kredenzen Geishas den Sake und sorgen dafür, dass die Konversation nicht versiegt.

Die wenigen Frauen, die noch in die Welt der Geishas eintreten, werden von einer romantischen Vorstellung oder von der Liebe zu den traditionellen Künsten angezogen. Eine Geisha, wörtlich eine "Person, die die Kunst lebt", erlernt die Feinheiten der Teezeremonie und der Kalligrafie und studiert die Samisen, das traditionelle Lauteninstrument. Auch proben die Geishas Tanzaufführungen. Bei diesen Darbietungen zeigen sie eine Reihe von eleganten Posen, lassen aber nur wenig Gefühlsausdruck erkennen. Bei all ihren künstlerischen Fähigkeiten ist es die Gabe des gepflegten Gesprächs, die von japanischen Männern angeblich am meisten geschätzt wird.

Die Geisha kennt sich in der Tagespolitik aus, ist vertraut mit dem Klatsch und Tratsch der Sumowelt. Sie hat das männliche Ego studiert und pflegt es wie einen Garten. Sie weiß um die Stimmungen des Mannes. Sie umhegt ihn, und er blüht auf.

In Tokio leben die Geishas ein urbanes Leben, wohnen in Apartments und fahren in ihre okiya, die gleichzeitig Büro und Garderobe ist. In Kyoto leben Geishas und maikos - Geishas in Ausbildung - hingegen noch zusammen wie vor Jahrhunderten. Je mehr die westliche Kultur auch Japan in den Griff nimmt, je mehr die Geschicke des Landes auf dem Golfplatz statt im Teehaus entschieden werden und sich die Menschen lieber in der Karaoke-Bar vergnügen, desto stärker sinkt die Zahl der traditionellen Geishas. Mehr als 1000 gibt es wohl nicht mehr.

Der Einzug der westlichen Kultur in Japan soll Auslöser für das baldige Ende der Geisha-Tradition sein. Bedauern Sie es, dass aufgrund westlichen Einflusses traditionelle Riten in anderen Ländern in Vergessenheit geraten? Glauben Sie, dass die Kulturen der Welt verarmen? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 8 / 2007)
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