Der Archäologe Georgi Kitow arbeitet schnell. Er nutzt sogar Löffelbagger und Bulldozer, um die Steingräber thrakischer Herrscher freizulegen. Was er dadurch in einer Woche schafft, würde mit konventionellen Grabungsmethoden viele Monate dauern. Doch er hat keine andere Wahl, erklärt er. Überall in Bulgarien gibt es Grabräuber, die nur darauf warten, die Stätten zu plündern. "Sie haben mehr Geld als ich und bessere Maschinen", sagt Kitow. "Ich versuche zu retten, was sie zerstören wollen." Trotz seiner edlen Motive ist Kitow umstritten: Für die einen ist er ein Held, für die anderen ein Schurke. Er ist heute 63, das Graben mit Hilfe von Maschinen hat er schon am Anfang seiner Karriere von sowjetischen Kollegen gelernt - und er ist von der Methode überzeugt. "Es ist Zeitverschwendung, nur mit der Hand zu graben", sagt er. Doch Kitows Eile und seine mangelnde Präzision beunruhigen viele seiner Kollegen. Manche bezichtigen ihn der Schatzjägerei, andere bezeichnen ihn als Show-Archäologen, der seine Entdeckungen für die Medien aufbauscht.
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Seine Verteidiger aber weisen darauf hin, dass ein großer Teil der Gold- und Silberfunde in den wichtigen bulgarischen Museen aus Kitows Grabungen stammt - unter ihnen atemraubend schöne Halsketten und Ohrringe, klassisch geformte Kelche und Schalen, Rosetten von Pferdegeschirren, Teile einer Kriegerrüstung, reich verzierte Schienbeinschützer, eine Krone aus zartem Eichenlaub und eine glänzende Königsmaske. Hätte Kitow sie nicht gefunden, wären sie höchstwahrscheinlich Grabräubern in die Hände gefallen. Für Plünderer ist Bulgarien ein Dorado voller Kostbarkeiten, mit Gräbern, in denen sich Goldschätze aus der Zeit bis 4400 v. Chr. finden. Zwischen Asien und Mitteleuropa gelegen, wurde dieses Land seit je geprägt durch Eroberer, Soldaten, Reisende, Händler und Siedler. Thraker, Makedonier, Griechen, Römer, Perser, Slawen, Bulgaren, Byzantiner und Türken haben dem Land ihren Stempel aufgedrückt und Kunstschätze hinterlassen, die jedem, der sie heute ausgräbt, ein Vermögen bescheren.
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Die Königsgräber der Thraker, die zwischen dem 5. und 3. Jahrhundert vor Christus angelegt wurden, sind leichte Beute für Plünderer. Mehrere Stockwerke hoch, stehen die überwucherten Grabhügel, die wie Bienenkörbe geformt sind, auf Feldern und längs der Straßen. Im 94 Kilometer langen Kasanluk-Tal, wo Kitow arbeitet, gibt es in den blühenden Rosenpflanzungen zu Füßen der Sredna-Gora-Gebirgskette und des Balkangebirges an die 1000 solcher Hügel. Etwa 25 000 weitere sind über den Rest des Landes verstreut. Viele dieser Hügel sind von frischen Spuren illegaler Grabungen gezeichnet. An vielen Stellen sind Schnitte durch den dichten Bewuchs aus Gras und Gestrüpp und durch die rostfarbene Erde gelegt. Manchmal haben die Räuber Pech und brechen ein Grab auf, das bereits in der Antike geplündert wurde. Manchmal finden sie statt Gold und Silber nur bemalte Vasen, Bronzestatuen oder Fragmente von Wandgemälden. Doch auch mit diesen Dingen lässt sich auf dem Markt für Altertümer noch guter Gewinn machen.
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Dass in Bulgarien antike Schätze Eigentum des Staates sind, wurde früher sehr ernst genommen. 1949 entdeckten drei Brüder, als sie in der Nähe der Stadt Panagjurischte Ton für Fliesen stachen, neun reich verzierte Gefäße aus massivem Gold, die mehr als 2000 Jahre in der Erde gelegen hatten. Das Land war erst wenige Jahre zuvor der sowjetischen Einflusssphäre zugefallen, und der neue totalitäre Staat ging mit aller Härte gegen Gesetzesbrecher vor. Also übergaben die drei Brüder ihren Fund pflichtbewusst den Behörden. Damals hatte es niemand nötig, das Risiko des Verkaufs eines solchen Glücksfunds einzugehen. Fabriken, in denen von Obstkonserven bis hin zu Kalaschnikows fast alles produziert wurde, garantierten Vollbeschäftigung, für alles andere sorgte der Staat. Auch als 1985 ein Bewohner des Dorfs Rogosen bei der Arbeit in seinem Gemüsegarten auf 80 Silber- und Goldgefäße stieß, übergab er seinen unschätzbaren Fund sofort an die Behörden. Beide Schätze haben in Museen eine sichere Heimstatt gefunden.
Würde das heute auch noch so ablaufen? Wahrscheinlich nicht. Als das Sowjetsystem 1989 zusammenbrach, riss es auch Bulgarien mit in den Abgrund. Fabriken mussten schließen, Hunderttausende von Menschen wurden arbeitslos und sind es immer noch. Wer heute eine Anstellung hat, verdient im Durchschnitt 160 Euro im Monat. So verwundert es nicht, dass so mancher aus der verarmten Mittelschicht seinen Lebensunterhalt mit dem verdient, was hier "Schwarzarchäologie" genannt wird - mit Grabräuberei.
Bulgariens Beitritt zu EU steht bevor, in allen Küstenstädten von Warna bis Sosopol wird kräftig gebaut - auch ohne Rücksicht auf kulturelle Verluste. Wie wird sich der Staat am Schwarzen Meer künftig entwickeln? Schreiben Sie an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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