Große Bühne Hermannstadt

Artikel vom 01.06.2006  —  Autor: Tanja Dückers  —  Bilder: Bogdan Croitoru

Die junge Frau, die mir auf dem Großen Ring, dem Marktplatz, gegenübersitzt, ist voller Tatendrang. Ihre braunen Augen leuchten lebhaft, immer wieder fährt sie sich durch das kurz geschnittene Haar. Bianca Herlo ist erst Anfang 30 und schon Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Hermannstadt, eines Treffpunkts für Kultur und Kunst hier im Herzen Rumäniens. Um uns herum höre ich die Passanten rumänisch, deutsch, ungarisch und in slawischen Sprachen sprechen. Ich bin in Hermannstadt - rumänisch: Sibiu, ungarisch: Nagyszeben -, dem kosmopoliten Zentrum der Karpaten.

Lebhaft erzählt Herlo mir, warum sie zurückgekommen ist, wie so viele Rumäniendeutsche in den vergangenen Jahren. 1990 wanderte sie mit ihren Eltern und Geschwistern nach Deutschland aus, anderthalb Jahrzehnte später ist sie wieder da: aus Berlin, mit Mann und Kind. "Nicht allein wegen der guten Stelle", sagt sie. "Ich will dieses Land, das sich so rasch verändert, mitgestalten. Ich will das Jahr der europäischen Kulturhauptstadt 2007 hier erleben." Damit steht sie nicht allein. Während ihre Eltern die deutschen Wurzeln betonen, ziehen die Kinder auf einmal Transsilvanien, das Siebenbürgen der Sachsen, dem Schwarzwald vor. Mit viel Idealismus siedeln sie sich in diesem Teil Rumäniens an und suchen dort eine neue berufliche Zukunft. Leute wie Mathias Krauss, in dessen Fabrik Wasserspender hergestellt werden. Andreas Huber, der ein Autohaus leitet. Die Ärztin Rose-Marie Ionescu-Liehn. Oder Hans Martin Müller, der Forellen züchtet. Die Zahl der Rückkehrer wächst mit jedem Jahr. Oft kommen die Jüngeren jedoch nicht mit der Absicht, für immer in Rumänien zu bleiben. Manche haben einen befristeten Arbeitsvertrag, andere pendeln. Ihr Lebensentwurf ist flexibler als bei der älteren Generation in Hermannstadt.

Bianca Herlo kennt schon jeden Winkel ihrer alten, neuen Stadt. Und natürlich jeden Rückkehrer. Sie ist bestens vernetzt. Das liegt wohl auch an ihrem Job: Das Deutsche Kulturzentrum, gefördert vom Auswärtigen Amt und der Robert-Bosch-Stiftung, hat sich unter ihrer Ägide zu einem Treffpunkt der Kreativen entwickelt. Was die Zusammenarbeit von Künstlern und Kulturvertretern der verschiedenen Bevölkerungsgruppen angeht, ist es ein Modell. Die junge Kulturmanagerin blickt zuversichtlich in die Zukunft: "Diese Stadt hat großes Potenzial, sich schnell zu entwickeln. Die Aufnahme Rumäniens in die EU, die verbesserte Anbindung an den Westen und die Rolle als Schnittstelle zwischen Orient und Okzident sind gute Voraussetzungen für eine berufliche Laufbahn. Rumänien überspringt zurzeit ganze Entwicklungsphasen, das hohe Tempo ist ungewohnt."

Dann sagt sie einen entscheidenden Satz: "Die junge Generation überwindet problemlos ethnische Differenzen und Zugehörigkeiten." An unserem Nachbartisch lässt sich ein Paar nieder, vielleicht Studenten. Sie sprechen rumänisch miteinander, beugen sich aber über einen "Fahrradführer für Südsiebenbürgen". Woher kommt das plötzliche Vertrauen in das Land, das 1990 nach dem Sturz des Diktators Ceauşescu so viele fluchtartig verließen? Es ist gewiss der enorme wirtschaftliche Aufschwung und die ansteckende optimistische Grundstimmung. Nie habe ich eine Stadt in einem solchen Umbruchseifer erlebt - abgesehen vom Berlin der neunziger Jahre.

Auch ich bin nach wenigen Tagen im "Hermannstadt-Fieber", springe um sieben Uhr energiegeladen aus dem Bett, spreche mit zahllosen Menschen, plane schon die nächste Reise nach Hermannstadt.

Nur noch ein Prozent der Bevölkerung in Hermannstadt ist deutscher Abstammung. Trotzdem besetzt diese Minderheit die wichtigsten Posten und Ämter. Was halten Sie von Seilschaften wie diesen? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 6 / 2006)
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