Wer hier taucht, muss verrückt sein. Aber nur so kann man die ganze Energie dieser Gezeitenströme wirklich erfassen. Also verlassen mein Partner und ich mit unserem Boot die geschützte Bucht namens God’s Pocket am Nordende von Vancouver Island Richtung Nakwakto Rapids.
Bild: Paul Nicklen Vergrößern
Der Anblick lässt unsere Knie weich werden: Aus engen Fjorden schießt das Wasser mit der Ebbe in die Queen Charlotte Strait, eine brausende Strömung, 27 Kilometer pro Stunde schnell. Wilde Wirbel spucken breite Schaumfahnen, zwei Meter hohe Wellen branden wild gen Himmel.
Erst als die Gezeiten wechseln, beruhigt sich das Wasser so weit, dass wir den Tauchgang wagen können. Zwölf Meter geht es hinab, gegen immer noch heftige Strömungen kämpfend, die an unseren Beinen zerren. Der Meeresboden empfängt uns in voller Pracht: Entenmuscheln bedecken die Felsen wie Perlencolliers; Nacktschnecken, Schwämme und Federwürmer mit zarten Tentakeln präsentieren beinahe die gesamte Farbpalette.
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Diese Tierkolonien gedeihen hier so üppig, weil das Meer ein riesiger Nährstoffcocktail ist, immer wieder neu gemixt durch die Gezeitenströme und aufwallendes Tiefenwasser. Eine Fülle unterschiedlichster Lebewesen klammert sich an Felsvorsprüngen oder am Meeresboden fest und braucht - wie im Schlaraffenland - nur darauf zu warten, dass die Strömung ihnen pflanzliches und tierisches Plankton vor die Mundöffnung strudelt.
Das Gewimmel speist eine Nahrungskette über Heringe, Lachse und Orcas bis zu Buckelwalen und Menschen. Die hiesigen Fischer jagen die Heringe vor allem wegen ihres Rogens. In den sechziger Jahren war dieser Fischereizweig schon einmal wegen Übernutzung zusammengebrochen. Staatliche Fangquoten haben inzwischen zur Erholung der Bestände beigetragen.
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Heute droht der Region eine andere Gefahr: Es wird wieder über Ölförderung vor der Küste nachgedacht. Sollte die kanadische Bundesregierung das geltende Verbot aufheben, würde die Provinz British Columbia das auch tun. Vier potenzielle Öl- und Erdgaslagerstätten sind schon ausgemacht worden. Umweltschäden durch Bohrungen und zunehmenden Schiffsverkehr wären wohl unvermeidlich - aber eine Ölpest in diesem Lebensraum wäre ein Albtraum.
Die Gewässer rund um Vancouver Island sind für ihren Artenreichtum bekannt. Mitten in diesem Ökosystem sucht der Mensch nach Erdöl und -gas, vier Lagerstätten sind bereits gefunden worden. Ist die Förderung von Öl oder Gas in solch einem reichen Ökosystem vertretbar oder sollten hier Schutzmaßnahmen ergriffen werden? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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