Publius Quinctilius Varus ist guter Dinge an diesem nassen Septemberabend des Jahres 9 n. Chr. Schon seit Tagen trommeln Regenschauer auf das ziegenlederne Dach seines Feldherrenzelts, aber in dem mit rotem Stoff ausgeschlagenen Inneren herrscht wohlige Wärme. Ein paar Dutzend ausgewählte römische Offiziere machen es sich an diesem Abend bequem. Diener servieren Wildbraten und Fasan, Oliven und Obst. Varus, seit zwei Jahren Statthalter von Kaiser Augustus in Germanien, hat zu einem Abschiedsempfang geladen. Bei Tagesanbruch will er zusammen rund 18 000 Soldaten in Richtung Westen aufbrechen. Endlich, nach vielen Monaten im Land germanischer "Barbaren" und rechtzeitig vor Wintereinbruch, wird sich die römische Streitmacht wieder in die komfortablen Hauptquartiere am Rhein zurückziehen.
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Bald soll das unwegsame Land zwischen Rhein und Weser auch offiziell römische Provinz werden, soll Augustus’ Reich noch weiter nach Osten und Norden wachsen. Schon jetzt erstreckt sich das Imperium Romanum von Ägypten bis nach Großbritannien, vom Atlantik bis zum Rhein. Ein Reich mit mehr als 50 Millionen Menschen, in dem 150 000 römische Soldaten für Ruhe und Ordnung sorgen. So wie bei den einst aufsässigen Galliern auf der westlichen Seite des Rheins, herrscht auch in Germanien weitgehend Ruhe. Einzig ein graubärtiger Germane stört an diesem bereits spät gewordenen Septemberabend die gute Laune des römischen Statthalters. Segestes, ein adliger Cherusker, den Römern schon seit Jahren willfährig zu Diensten. Er habe schlechte Nachrichten. Varus solle beim Rückzug seiner Truppen in eine Falle gelockt werden. Germanische Hilfstruppen hätten sich schon mit Tausenden von kampfbereiten "Barbaren" verbündet. Ungläubig fragt Varus, wer denn hinter dieser angeblichen Verschwörung stecke. Arminius, sagt Segestes. Varus glaubt nicht recht zu hören. Arminius soll ein Verschwörer sein? Ausgerechnet dieser junge Cheruskerprinz, der in Rom erzogen und ausgebildet wurde, der bereits zum Offizier starker Hilfstruppen in Varus’ Armee aufgestiegen ist? Diesen jungen Helden hatte Varus in den vergangenen Tagen als Wegekundschafter im besonderen Auftrag losgeschickt.
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Vor Tagesanbruch reißt wie immer ein lang gezogenes Hornsignal die Legionäre aus dem Schlaf. Der Regen hat nicht nachgelassen. Doch Varus lässt trotz des widrigen Wetters aufbrechen. Für die mit Kriegsausrüstung bepackten Soldaten wird ihre Traglast mit jedem Schritt über schlammige Pfade und aufgeweichten Waldboden schwerer. Der Zug nimmt eine Abkürzung. Man will den beschwerlichen Anstieg über einen hohen Waldrücken vermeiden und ein tückisches Moor umgehen. Die Römer folgen der Route, die der von Varus ausgesandte Kundschafter Arminius vorgeschlagen hat. Bald darauf biegt der Kopf des Heerwurms in einen kilometerlangen Engpass ein. Plötzlich stockt die Kolonne. Unruhe verbreitet sich von vorn nach hinten. Wir werden angegriffen, ruft ein Meldereiter. Ganz vorne ist Chaos ausgebrochen, denn aus dem Halbdunkel des Waldes ist eine furchterregende Gestalt hervorgeprescht. Ein Reiter. Ein Schwertträger. Ein Mann in der Uniform römischer Hilfstruppen. Doch seine Befehle schreit er in der Sprache der Germanen. Auf sein Kommando hin prasselt ein tödlicher Hagel von Speeren auf die Römer nieder. Mit Dolchen, Schwertern und Lanzen hauen und stechen die Germanen auf die vor Schreck erstarrten Legionäre ein. Zunächst verbreitet sich ein Gerücht, wer der Unheimliche sei. Schließlich wird daraus Gewissheit: Arminius der Cherusker. Arminius ist in diesem Herbst erst 25 oder 26 Jahre alt und musste bereits als Junge miterleben, wie Drusus und Tiberius, die Adoptivsöhne des Kaisers, mit ihren Armeen sein Heimatland heimsuchten. Sie hinterließen verbrannte Siedlungen, gefolterte und gekreuzigte Widersacher.
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Im Land der Cherusker, einer Art früher Adelsrepublik, verbündeten sich schließlich fast alle Fürsten mit dem Feind. Auch Arminius’ Vater Segimer schloss ein Schutzbündnis. Um seine Loyalität zu bezeugen, willigte er sogar ein, dass seine beiden Söhne Arminius und Flavus in Rom erzogen worden. Varus ahnte nicht, was Arminius tatsächlich vorhatte, während er in seinem Auftrag als Kundschafter zwischen Rhein und Weser unterwegs war. Offenbar schätzt der Statthalter die Lage im Land völlig falsch ein. Denn die Stimmung in den Volksstämmen östlich des Rheins ist äußerst gereizt. Wütende Bauern, in ihrem Stolz verletzte Soldaten, Fürsten ohne Macht - bei allen trifft Arminius mit seinen aufwieglerischen Reden auf offene Ohren. Er weckt den Willen zur Freiheit und ruft zum Widerstand gegen die Besatzer auf. Monatelang trifft der von römischen Militärstrategen geschulte Arminius dann geheime Vorbereitungen für die entscheidende Schlacht. Vier Tage lang ziehen sich die Angriffe hin.
Die an militärische Schlachtordnung gewöhnten Römer haben weder Zeit noch Raum, ihre Schlagkraft zu entfalten. Von den Feinden eingekesselt, haben sie keine Bewegungsmöglichkeit und finden keinen Ausweg. Hilflos muss Varus mit ansehen, wie seine Legionen vernichtet werden. Für einen Mann seines Standes gibt es nur einen einzigen ehrenhaften Abgang nach dieser Katastrophe, die er selber verschuldet hat. Er muss dem Tode aufrecht entgegengehen. Publius Quinctilius Varus stürzt sich in sein Schwert.
Nicht nur durch Krieg und Gewalt eroberten die Römer die Welt - sondern auch durch die Erschließung ganzer Länder, den Bau von Verkehrswegen und Städten. Was meinen Sie, war es für Germanien von Vor- oder Nachteil, dass es nicht mehr länger von Rom aus beherrscht worden ist? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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