Kampf um Germanien (II): Rom schlägt zurück

Artikel vom 01.12.2007  —  Autor: Jürgen Petschull und Susanne Utzt

Ruhelos, mürrisch und gramgebeugt - so haben seine Leute den Kaiser noch nie erlebt. Der große Augustus sieht aus, als würden ihn die Götter schon bald von seinem langen Nierenleiden erlösen. Manchmal schlägt er im Schmerz seine Stirn gegen Wände und Türen und ruft verzweifelt jenen Satz, der noch heute in den Geschichtsbüchern steht: "Quintili Vare, legiones redde!" - "Quintilius Varus, gib mir meine Legionen zurück!" Was ist aus diesem lebensfrohen, sieggewohnten Mann geworden? Gerade erst hat man mit großem Pomp den 71. Geburtstag des Kaisers gefeiert. Seine hell strahlenden Augen, seine eher kleine, aber edle Gestalt, sein volkstümlicher Humor, seine Freude am Würfelspiel werden von den Biografen gerühmt. Militärischer Ruhm, politische Erfolge und die stetige Vergrößerung des Imperium Romanum haben ihn schon zu Lebzeiten unsterblich gemacht. Schmerz, Trauer und Zorn lähmen den Kaiser und ganz Rom. Augustus sieht sein Lebenswerk in Gefahr.

Nachstellung einer Opferdarbietung der Germanen im Freilichtmuseum Lejre, Dänemark

Bild: Dänemark, Heiner Müller-Elsner, mit freundlicher Unterstützung der Forschungseinrichtung Lejre bei Roskilde Vergrößern

Furcht vor einem Einfall der Germanen in Italien breitet sich aus. Um eine Panik im Volk zu verhindern, werden überall in der Stadt schwer bewaffnete Wachen postiert. Im ganzen Land werden kampffähige Männer rekrutiert, auch die Söhne wohlhabender Familien, die lieber im Luxus schwelgen, anstatt in den Krieg zu ziehen.

Augustus beauftragt den erfahrensten Mann, die verlorene Ehre des Weltreichs wiederherzustellen: seinen bereits 52 Jahre alten Adoptivsohn Tiberius. Er soll in Germanien acht Legionen kommandieren, die größte römische Streitmacht, die je am Rhein gestanden hat. Der Auftrag ist klar: Varus soll gerächt, Arminius geschlagen, die Germanen endgültig unterworfen werden!

Den auf den Schlachtfeldern des Imperiums ergrauten Tiberius beseelt nicht mehr kriegerisches Feuer, ihn treiben politische Ambitionen. Er ist schließlich Augustus’ designierter Nachfolger. Im Sommer des Jahres 11 marschiert er mit seinen Legionären in das Feindesland zwischen Rhein und Weser. Er "verwüstete die Äcker, brannte die Häuser nieder und schlug alle, die sich ihm entgegenstellten", berichtet lakonisch ein Zeitgenosse. Noch bevor es zu einer Entscheidungsschlacht kommen kann, wird er nach Rom beordert. Augustus ist schwer erkrankt. Am 19. August des Jahres 14 stirbt der Kaiser im gesegneten Alter von 76 Jahren.

Tiberius tritt seine Nachfolge an. Das Oberkommando in Germanien hatte gut ein Jahr zuvor ein Mann übernommen, der dafür schon vom Namen her prädestiniert schien: Nero Claudius Germanicus. Mehr als zwei Jahre lang kommt es immer wieder zu Kämpfen, mal siegen die Römer, mal die Germanen. Wie schon zur Zeit des Varus leisten einige Stammesführer keinen Widerstand und unterwerfen sich den Römern. Einer von ihnen, der Cheruskerfürst Segestes, der in der Nacht vor der Varusschlacht Arminius’ Plan an die Römer verraten hatte, ist der Vater von Thusnelda, die mit Arminius verheiratet ist.

Germanisches Dorf im Museum in Lejre

Bild: Heiner Müller-Elsner Vergrößern

Germanicus lässt die stolze Germanenfrau als Geisel nach Rom schaffen. Arminius ist außer sich vor Zorn. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet, Arminius sei im Cheruskerland umhergejagt und habe Waffen gegen Segestes und die Römer gefordert. Nun müssten alle Germanen ihm, "dem Führer zu Ruhm und Freiheit", folgen. Der Kriegsruf wird gehört.

Wie ein Kriegsberichterstatter, als sei er dabei gewesen, schildert Tacitus minutiös die Kämpfe auf der weiten Ebene Idistaviso ("Feuchte Wiese") zwischen dem Fluss Visurgis (Weser) und den Hügeln, an einem Ort, der in der Nähe des heutigen Porta Westfalica vermutet wird: "Als Germanicus die Scharen der Cherusker, die mit wildem Ungestüm hervorgestürmt waren, erblickte, befahl er dem Kern seiner Reiterei, sie in der Flanke zu fassen, und den übrigen Reiterabteilungen, eine Umgehungsbewegung zu machen und dem Feind in den Rücken zu fallen." Zur selben Zeit hätten sich - "ein herrliches Vorzeichen" - acht Adler am Himmel gezeigt und seien auf ein Waldstück zugeflogen. Begeistert habe Germanicus gerufen: "Los! Folgt den Vögeln Roms, den Schutzgeistern der Legionen!" Der gleichzeitige Angriff der Römer von der Seite und von hinten verwirrt die Germanen so sehr, dass sie in verschiedene Richtungen fliehen. Arminius selber ist verletzt, will aber mit lauten Befehlen seine fliehenden Truppen wieder auf Vordermann bringen. Vergeblich.

Römische Kommandanten versuchen, den Anführer der Germanen einzukesseln und gefangen zu nehmen. "Er hatte, um nicht erkannt zu werden, mit seinem eigenen Blut sein Gesicht verschmiert", schreibt Tacitus. Viele Hundert Germanen sterben im Pfeilhagel, durch Schwerthiebe und die Lanzen der Römer. Germanicus lässt eine Pyramide aus erbeuteten Waffen errichten und mit der Aufschrift versehen "Die Völkerschaften zwischen Rhein und Elbe sind unterworfen." Das ist jedoch nichts als ein Wunschgedanke, denn sein Erzfeind Arminius ist wieder lebend davongekommen. Aber nach etlichen Niederlagen und nach verlustreichen, unentschiedenen Schlachten hat Germanicus diesmal tatsächlich einen Sieg errungen.

Gemälde von Carl Theodor von Piloty

Bild: Blauel/Gnamm/Artothek Vergrößern

Während die Römer von nun an Germanien sich selbst überlassen, sind für Arminius die Zeiten des Krieges noch nicht vorbei. Nun will er die immer noch zerstrittenen Stämme einen und erhebt Anspruch auf die Führung der Germanen. Bei seinen freiheitsliebenden Landsleuten stößt dieses Ansinnen auf heftige Ablehnung. Nach der Vertreibung der Römer haben die Germanen keine vereinte Volksbewegung, kein gemeinsames Ziel, keine politische Vision für ihr Land. Nur in einem sind sich die Stammesfürsten einig: Sie wollen keinen König über sich!

Im Frieden zerbricht das mühsam geschmiedete Kriegsbündnis wieder. Nur einer stellt sich dem machtbesessenen Arminius offen entgegen: Marbod, der Herrscher der Markomannen, der sich bereits König seines Volkes nennt. Wieder muss die Entscheidung auf dem Schlachtfeld fallen. Wieder gewinnt der Cherusker. Nun ist Arminius vielen Stammesführern erst recht zu mächtig. Sie wollen ihn loswerden. Arminus hat sich inzwischen nicht nur im Lande, sondern sogar in der eigenen Familie Feinde gemacht. Der Mann, der König aller Germanen werden will, wird Opfer eines heimtückischen Komplotts. Arminius stirbt um das Jahr 21 n. Chr. eines unnatürlichen Todes.

Im Jahr 1875 wird "Hermann der Cherusker" auf einen gewaltigen Sockel gehoben. Kaiser Wilhelm I. persönlich weiht das mehr als 50 Meter hohe Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald ein. Seither reckt Arminius sein Schwert in den Himmel über Deutschland. Er steht, wie man inzwischen weiß, am falschen Platz, denn die Varusschlacht hat vermutlich viel weiter nordwestlich stattgefunden, bei Kalkriese im Osnabrücker Land. Und die Inschrift für den ermordeten Cherusker, dem es nicht gelungen ist, die Stämme Germaniens zu einen, ist ebenso falsch. Sie lautet: "Deutsche Einigkeit meine Stärke - meine Stärke Deutschlands Macht." Was meinen Sie, sollte man das Denkmal nicht umsetzen und den Text korrigieren? Wie sollte die neue Inschrift lauten? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 12 / 2007)
Extras

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