Kohlenstoff - Was tun?

Artikel vom 01.10.2007  —  Autor: Bill McKibben

Alle maßgeblichen Köpfe wissen, wie ein Abkommen, das die befürchtete Klimakatastrophe abwendet, aussehen müsste: schnelle, deutliche und nachhaltige Einschränkung der Emissionen in den technisch hoch entwickelten Staaten; rascher Technologietransfer nach China, Indien und in andere Entwicklungsländer, damit sie ihre Wirtschaft voranbringen können, ohne immer noch mehr Kohle zu verfeuern. Aber jeder kennt auch die großen Fragen: Sind solche schnellen Emissionseinschränkungen überhaupt möglich? Und haben wir den politischen Willen, auf diesem Weg voranzugehen und anderen Ländern die Richtung zu weisen?

Bei den technischen Möglichkeiten ist es ein häufiger Fehler, sich nur auf wenige Methoden zu konzentrieren: Wasserstoff! Bioethanol! Es gibt aber nicht die eine Methode, die alle unsere Energieprobleme löst. Was wir brauchen, ist ein Mix vieler Strategien. Eine Arbeitsgruppe der Princeton-Universität stellte vor einiger Zeit einmal alle realistischen Möglichkeiten zusammen. In dem Wissenschaftsmagazin Science zählten Stephen Pacala und Robert Socolow 15 Handlungspfade auf. Alle zusammen würden wirkliche Veränderungen bewirken. Die Technologien gibt es alle schon heute oder in absehbarer Zeit. Von manchen hat schon jeder mal gehört, die Liste reicht von benzinsparenden Autos über besser isolierte Häuser bis zu Biokraftstoffen. Bei anderen muss noch Entwicklungsarbeit geleistet werden, etwa bei Kohlekraftwerken, in denen das CO2 aus den Abgasen abgeschieden und dann unterirdisch gespeichert wird.

Die ersten Schritte sind leicht, da wir heute viel Energie verschwenden: Würden wir in den nächsten zehn Jahren jede ausgediente Glühbirne durch eine Energiesparlampe ersetzen, hätten wir auf einem der 15 Pfade schon einen guten Anfang gemacht. Aber in denselben zehn Jahren müssten auch 400 000 neue Windräder gebaut werden. Nach dem Vorbild Deutschlands und Japans müssten Solarzellen auf Hausdächern ernsthaft subventioniert werden. Die meisten Bauern der Welt müssten lernen, ihre Felder seltener und weniger tief umzupflügen, damit weniger Kohlenstoff ausgewaschen wird. Und wir müssten alles gleichzeitig tun.

Nicht alle Lösungsansätze sind technischer Art. Viele Pfade verlaufen quer durch unser Alltagsleben: Der Luftverkehr ist zwar längst nicht die größte, aber weltweit die am schnellsten wachsende Quelle von CO2-Emissionen. Viele derjenigen, die jetzt alle Glühbirnen auswechseln und in Hybridautos umsteigen, wollen auf die Flugreise in den Urlaub dennoch nicht verzichten. Einer Studie zufolge hat in den USA jeder Bissen Nahrung im Durchschnitt fast 2500 ölfressende Kilometer hinter sich, bevor er auf den Tisch kommt. Wir stehen lieber mit allen anderen im Stau, als öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Die Familien werden kleiner, die Wohnungen - und die Fernsehbildschirme - aber immer größer.

Um hier die Schraube zurückzudrehen, muss fossiler Brennstoff vermutlich erst erheblich teurer werden. Wenn sich im Benzinpreis auch nur ein Bruchteil der Kosten für die Umwelt widerspiegelt, fahren wir sehr bald mit kleineren Autos zum nächsten Bahnhof, und wenn die Sonne scheint, nehmen wir das Fahrrad. Auch der Emissionshandel, bei dem Unternehmen die Genehmigung zum Kohlendioxidausstoß kaufen müssen, verlangt bislang eher symbolische Preise. Er müsste erheblich verteuert werden, damit die Wirtschaft die neuen Pfade mitgeht. Am wirksamsten wäre die Einführung einer Kohlendioxidsteuer. Wer viel verbraucht, zahlt mehr.

Dass die Energiewende möglich - und bezahlbar - ist, wissen wir: Ein Expertengremium der Vereinten Nationen schätzt die Gesamtkosten bei Aufrechnung aller Gewinne und Verluste jährlich auf etwas mehr als 0,1 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung für die nächsten 25 Jahre. Das können wir verkraften.


(NG, Heft 10 / 2007)
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