Es schien, als würde Gottes Wort wahr. Der Herr ließ "Schwefel und Feuer vom Himmel herabregnen. Er vernichtete von Grund auf jene Städte und die ganze Gegend, auch alle Einwohner der Städte und alles, was auf den Feldern wuchs". So steht es geschrieben im Alten Testament, und so geschah es, als der Vesuv am Mittag des 24. August im Jahr 79 erwachte. Der Berg spie eine gigantische Wolke aus heißer Asche und Bimsstein. Wind trieb ihre Ausläufer über das südöstlich gelegene Pompeji. Am Abend begannen die Dächer der Stadt unter der Last des Auswurfs zu bersten. In Todesangst hatte sich einer jener Menschen, die wohl die Hiobsbotschaft aus der Bibel kannten, in ein Haus nahe dem Theater geflüchtet. Er war es vermutlich, der die Worte in die Wand ritzte, die uns noch heute schaudern lassen: "Sodoma Gomora".
Die Siedlungen am Fuß des Vesuv wurden schwer beschädigt: das geschäftige Pompeji mit seinen vermutlich 20 000 Einwohnern, das nur halb so große, aber wesentlich mondänere Herculaneum, die feinen Sommerresidenzen der römischen Schickeria in Oplontis, Stabiae und Boscoreale.
Die Lebenslust der Kampaner aber blieb ungebrochen. Luxuriöse Thermen mit Wand- und Bodenheizung, Marmortäfelung und silbernen Wasserhähnen waren ein Ort für die Sinne und ein wichtiger Treffpunkt. Während man schwamm und schwitzte, sich den Körper mit Öl einrieb und den Dreck mit einem Schaber vom Leib kratzte, wurde mit Freunden und Geschäftspartnern splitternackt diskutiert, wen man bei der Wahl zum Stadtrat unterstützen oder wie viel die laufende Ernte einbringen würde.
Scham schien diese Welt nicht zu kennen. Ungeniert ließ man sich auf dem Lokus nieder, der mitunter in der Küche neben dem Herd stand. Und pinkelte, wenn es auf der Straße pressierte, in aufgestellte Amphoren - Wäschereien nutzten den ammoniakreichen Urin dann zum Bleichen. Ergriffen lauschte man im Theater der Tragödie. Leidenschaftlich sah man in der Arena zu, wie sich Mensch und Tier bei Gladiatorenkämpfen zerstückelten. Auch der Umgang mit Prostituierten war weder verpönt noch verboten. Auf dem Kopfsteinpflaster der Via dell’Abbondanza weist ein eingemeißelter Penis den Weg ins Bordell: die nächste Gasse links. Üppige Nackedeis und lustvolle Szenen finden sich aber nicht nur auf den Bildern im Puff, sondern auch als "Appetitanreger" in vielen Esszimmern. Vom Bankett ins Bett war es oft nur ein kurzer Weg. Phallusdarstellungen galten als Glücksbringer; wer an einer Haustür klingelte, tat dies nicht selten an einem mit Glöckchen behängten Bronzepenis.
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