Es ist höchst umstritten, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde, wie es in den Evangelien von Matthäus und Lukas steht. Schon die Volkszählung, derentwegen Lukas das Paar Maria und Josef nach Bethlehem reisen lässt, scheint nichts anderes als ein literarischer Kunstgriff zu sein. Historisch belegt ist sie nicht. Der triftige Grund für die Wanderschaft und die Verlegung des Geburtsorts nach Judäa findet sich bei Matthäus. Jesus sollte die Prophezeiung erfüllen, dass der Messias aus dem Hause David komme. Bethlehem ist die Stadt des legendären Königs, und Josef stammt laut Matthäus von ihm ab. Die zunächst unbedeutende Frage, wie alles begann, ist im Laufe der Geschichte des Christentums immer mehr in die Mitte gerückt. Heute gilt Weihnachten neben Ostern und Pfingsten als das dritte Hochfest der Christenheit. Es ist den Menschen in den christlich geprägten Ländern deutlicher präsent als das theologisch anspruchsvollere Pfingstfest - ja selbst deutlicher als das zentrale Glaubensereignis Ostern mit Tod und Auferstehung Jesu.
Im vierten Jahrhundert wurde in Rom der Geburtstag Jesu auf den 25. Dezember festgelegt. Das hat zur Popularität von Weihnachten entscheidend beigetragen. Die Kirche besetzte strategisch clever ein Datum, das schon lange zuvor wichtig gewesen war: die Wintersonnenwende. Was die Menschen unabhängig von ihrer Nähe zu einer der Kirchen jedoch bis in tiefste Seelengegenden erreicht, ist die Geburtserzählung: die Geschichte von Bethlehem. Das Gotteskind der Christen kommt nicht - wie andere Göttersöhne der antiken und vorantiken Mythen - in einem Palast auf die Welt, sondern in einem Stall. Kein Platz frei, hieß es, als Josef und Maria in der Herberge anklopften. Jesu Geburt ist kein Großereignis, kein Staatsfeiertag, an dem das Leben stillsteht. Nicht Großwesire und Hohepriester besuchen das Kind, das in einem Futtertrog liegt, sondern Bauern und Hirten aus der Gegend. Das Bethlehem der Weihnachtsgeschichte ist nicht die "Stadt Davids". Bethlehem ist eine Viehweide mit einem stallartigen Unterschlupf an der Peripherie der eigentlichen Siedlung. Genau genommen ist es ein Unort, ein Rastplatz, eine Zwischenstation. Würde man es in die Gegenwart holen, wäre es eine Autobahnraststätte oder ein Parkplatz im Gewerbegebiet. Die Hirten, halbnomadische Existenzen, würden uns als Fernfahrer entgegentreten.
Atlas-Tipp: Biblica - Der Bibelatlas
Erfahren Sie mehr über die faszinierendsten Geschichten des Alten und des Neuen Testaments im großen Bibelatlas Biblica. mehr...
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus