Pakistan - Die Schule der Islamisten

Artikel vom 01.09.2007  —  Autor: Don Belt  —  Bilder: Reza

Falls es einen Ort gibt, an dem es Pakistan - und vielleicht auch die Welt - zerreißt, dann ist es der Margallapass, 27 Kilometer westlich der Hauptstadt Islamabad. An diesem Bergrücken aus Kalkstein in der Mitte Pakistans fällt der gebirgige Westteil des Landes steil ab zum Tal des Flusses Indus. Dort stoßen zwei sehr alte und sehr unterschiedliche Kulturen aufeinander: die der Bauern mit ihren vielfältigen Gottheiten und die der Hirten und rauen Reiter, die nur einen Gott verehren. Nach Westen und Norden erheben sich die kargen, vom Wind gepeitschten Bergregionen Zentralasiens. Hier ist die Grenze zu Afghanistan nahe. Hier prallen auch zwei Denkrichtungen des Islam aufeinander: der relativ gelassene und tolerante Islam Indiens und der Fundamentalismus des afghanischen Grenzlands.

Wer, wie ich kürzlich, rund 13 000 Kilometer durch dieses unruhige Land reist, erkennt, dass sich Pakistan auch 60 Jahre nach seiner Gründung noch nicht stabilisiert hat. Das Land ist traumatisiert durch mehrere Kriege mit Indien und eine Folge von Militärherrschern - den amtierenden Staatspräsidenten General Pervez Musharraf eingeschlossen. Verschiedene ethnische Gruppen liegen im Streit miteinander: Punjabi, Sindhi, Belutschen und Paschtunen. Bis heute sind die 165 Millionen Pakistani nicht zu einer Nation verschmolzen, obwohl sie zu 97 Prozent Muslime sind. Um das Land zusammenzuhalten, haben die Regierungen Milliarden in die Streitkräfte investiert, damit aber eine gehätschelte und egoistische Elite von Generälen geschaffen, von denen die meisten aus dem Punjab stammen. Der Anspruch der Bevölkerung auf Gerechtigkeit, Gesundheit, Bildung, Sicherheit und Hoffnung wurde weitgehend ignoriert. In jüngster Zeit kam es zu Demonstrationen oppositioneller Gruppen gegen die Militärregierung. Sie forderten die Rückkehr zu ziviler, demokratischer Herrschaft. Auf der anderen Seite wurden die Kräfte des radikalen Islamismus stärker. Für die gemäßigte Bevölkerungsmehrheit sind sie im Kampf um die Seele ihres Landes zu einer Bedrohung geworden.

"Ja, es gibt hier Extremisten", sagt der pakistanische Schriftsteller Mohsin Hamid. "Aber sie sind eine kleine Minderheit in einem Land mit 165 Millionen Menschen. Die meisten von uns wollen nichts mit Gewalt zu tun haben." Doch die Moderaten in Pakistan haben es immer schwerer, sich in dem fundamentalistischen Trommelfeuer religiöser Prediger Gehör zu verschaffen. Aber es ist ein Zeichen für das noch bestehende Gute im Land und ein Grund zur Hoffnung, dass die am meisten verehrte Persönlichkeit Pakistans kein Mullah ist, sondern ein 79-jähriger Mann, der das Blut von Leichen wäscht und sich in Jacken und Hosen aus Spendensammlungen kleidet. Abdul Sattar Edhi begann seinen Dienst am Volk schon einige Jahre nach der Staatsgründung, als er in Karatschi eine kostenlose Klinik eröffnete. Später kaufte er einen verbeulten britischen Kombi und baute ihn zum ersten privaten Krankenwagen Pakistans um. Er brachte damit die Armen zum Arzt und sammelte die Leichen der Obdachlosen vom Straßenrand auf, wusch sie und sorgte für ihre ordnungsgemäße Bestattung. "Ich hielt dies für meine Pflicht als Mensch", sagt er und räumt ein, dass ihn dies Überwindung gekostet hat. "Doch der Staat erfüllte diese Aufgabe ja nicht." Trotz - oder wegen - seines selbstlosen Einsatzes wird Edhi von Pakistans radikaleren Mullahs häufig als "unislamisch" angegriffen, und zwar wegen seiner politischen Haltung gegenüber "Ungläubigen". Er hat nämlich keine.

Edhi fragt nie, ob ein verstoßenes Kind, ein Psychiatriepatient, ein Toter oder eine misshandelte Frau sunnitischen oder schiitischen Glaubens ist. "Ich bin Muslim", sagt Edhi, "aber meine eigentliche Religion sind die Menschenrechte." Pakistan hatte die Taliban lange unterstützt, doch die Anschläge vom 11. September 2001 führten zum Bruch. Als die Taliban-Regierung, die Osama bin Laden Schutz gewährt hatte, sich unter den Angriffen der USA und ihrer Verbündeten auflöste, musste sich Musharraf entscheiden: mit oder gegen Amerika. Er wählte die Seite der USA. Populär war das nie. Heute verlangt der Westen von ihm, die Taliban und al-Qaida zurückzudrängen. Aber die Unterstützung für die Radikalen wächst.

Pervez Hoodbhoy erlebt jeden Tag, welche Folgen das hat. Er ist Professor für Kernphysik, wurde in den USA ausgebildet und lehrt an der Quaid-i-Azam-Universität in Islamabad. Nach dem Erdbeben, das im Jahr 2005 weite Teile Kaschmirs verwüstete, beschrieb er Studenten der obersten Semester die geophysikalischen Kräfte, die diese Katastrophe verursacht hatten. "Als ich zu Ende geredet hatte, hoben sich im ganzen Saal die Hände", erinnert er sich. "'Professor, Sie irren sich', sagten meine Studenten. 'Das Erdbeben war der Zorn Allahs.'" Dies sei das Erbe der Regierung von Zia ul-Haq. Dessen Erziehungsministerium hatte verordnet, dass auch die Wissenschaften aus islamischer Perspektive zu unterrichten seien. Die Annahme, dass sich Erdplatten bewegen und Beben auslösen könnten, passt da nicht hinein.

Das Gefecht um die Rote Moschee Anfang Juli 2007 hat bewiesen, dass die Islamisten ihren Feldzug gegen die Regierung fortsetzen. Was glauben Sie, wird Pakistan im Kampf gegen die Taliban ebenso scheitern wie sein Nachbar Afghanistan? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 9 / 2007)
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