Poesie und Gangsta-Rap

Artikel vom 01.04.2007  —  Autor: Susanne Utzt

Als 1992 der Ulk-Rapsong "Die da" von den Fantastischen Vier die Charts stürmte, glaubte plötzlich auch hierzulande jeder zu wissen, was Hip-Hop ist. In der Szene war man verärgert, dass diese Rapper, die kaum etwas mit der seit zehn Jahren in Deutschland lebendigen Hip-Hop-Kultur zu tun hatten, so erfolgreich waren. Deutscher Rap hatte hier lange als "uncool" gegolten, die anderen Elemente des Hip-Hop - Breakdance und Graffiti- Malerei - waren damals stärker präsent. Für echte Hip-Hopper ging es auch nicht vordergründig um Profit, sondern zuerst um Stil (style), Können (skillz) und um eine Philosophie. "Es ging um die Abkehr von Gewalt und darum, Aggressionen in etwas Positives zu transformieren", sagt Max Herre, der damals noch vorwiegend auf Englisch rappte und später mit seiner Band Freundeskreis und deutschem Hip-Hop bekannt wurde.

Paco Arias (in Rot) mit Freunden in Ohio

Bild: David Alan Harvey Vergrößern

Rap war ein Weg aus der Sprachlosigkeit, war Protest und Aufruf zugleich. "Ich hoffe, die Radiosender lassen diese Platte spielen / denn ich bin kein Einzelfall, sondern einer von vielen", reimte die multiethnische Band Advanced Chemistry: "Fremd im eigenen Land" war die erste Deutschrap-Platte aus dem Hip-Hop-Untergrund. Wie "Die da" erschien sie 1992 - als sich besonders in Ostdeutschland die Angriffe auf Ausländer häuften. Advanced Chemistry wurde schnell zur Vorzeigeband des politischen Hip-Hop, trat im Fernsehen und auf Veranstaltungen auf. Ohne es zu wollen, standen sich im Geburtsjahr des deutschen Hip-Hop die Fantastischen Vier und Advanced Chemistry gegenüber - also: wirtschaftlicher Erfolg gegen Authentizität, Party gegen Sozialkritik. Aber nach und nach spielten sich weitere Bands aus der Szene nach oben: Massive Töne und Freundeskreis in Stuttgart, Fettes Brot, Absolute Beginner und Fünf Sterne Deluxe in Hamburg. Während in den USA gerade der Gangsta-Rap mit seiner Gewaltverherrlichung den Ton angab, standen sie für friedlichen Hip-Hop. "Wir wollten keinen Gangsta-Rap" erzählt Herre, "uns ging es darum, in einer eigenen Sprache unsere eigene Geschichte zu erzählen." So fand der deutsche Hip-Hop seinen Stil - und den Weg zum Erfolg: Hip-Hop wurde Mainstream. Jungs aus einer Szene, die zuvor jahrelang Züge illegal mit Graffiti besprüht hatte, rappten jetzt auf Veranstaltungen der Deutschen Bahn. Einer der Sprüher-Stars aus Berlin malte sogar ein Bild im Auftrag der Jungen Union.


(NG, Heft 4 / 2007)
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