Rashids Traum

Artikel vom 01.03.2007  —  Autor: Afshin Molavi  —  Bilder: Maggie Steber

Es war einmal ein Scheich, der hatte einen Traum. Sein Reich an den Ufern des Persischen Golfs war ein verschlafenes Dorf unter sengender Sonne, in dem Händler, Perlentaucher und Fischer lebten. Ihre Boote lagen an einem schmalen Flüsschen - in den Augen des Scheichs, Rashid bin Saeed al Maktoum, war dies der Weg in die große Welt. Im Jahr 1959 borgte er sich viele Millionen Dollar von seinem Nachbarn Kuwait, um den Fluss ausbaggern zu lassen, bis er tief genug für die Schifffahrt war. Er ließ Werften und Lagerhallen bauen, plante Straßen und Schulen. Viele meinten, er sei verrückt. Doch der Scheich glaubte an die Macht des Neubeginns. Manchmal spazierte er mit seinem Sohn Mohammed am Ufer entlang und schilderte ihm seine Träume. Am Ende geschah es, wie er gesagt hatte. Er baute, und alle kamen. Heute regiert in Dubai sein Sohn, Scheich Mohammed bin Rashid al Maktoum, und um jenes Flüsschen herum verwirklichte er seine eigenen Träume. Die Vision seines Vaters hat er in eine klimatisierte, neonbeleuchtete Phantasiewelt voller Wolkenkratzer, bewohnt von einer Million Menschen, verwandelt.

Mit seiner Manhattan-Skyline, einem internationalen Hafen und gigantischen zollfreien Einkaufszentren zieht das kleine Dubai heute mehr Touristen an als ganz Indien, mehr Schiffe als Singapur und mehr ausländisches Kapital als viele europäische Länder. Menschen aus 150 Staaten leben und arbeiten hier. Sogar künstliche Inseln - manche in Form von Palmen - wurden vor der Küste errichtet, um Platz für exklusive Meergrundstücke zu schaffen. Dubais wirtschaftliche Wachstumsrate ist mit 16 Prozent beinahe doppelt so hoch wie die von China.

Für den Nahen Osten - eine Region, die durch Stagnation und Fehlinvestitionen geprägt ist - stellt Dubai eine außergewöhnliche Erfolgsstory dar. Doch ist Dubai eher die schillernde Ausnahme oder ein Modell, das andere arabische Staaten kopieren sollten? Eine wichtige Frage in einer Zeit, da sich die islamische Welt mühsam mit der Modernisierung auseinandersetzt. Abdulrahman al Rashid, saudi-arabischer Journalist und Direktor des Nachrichtensenders Al Arabiya, formuliert es so: "Dubai setzt den Rest der muslimischen Welt unter Druck. Die Menschen beginnen, ihre Regierungen zu fragen: Wenn Dubai es kann, warum nicht auch wir?"

Dubai ist ein Ort wie kein zweiter auf der Welt. Es ist die Welthauptstadt der Maßlosigkeit; die Luft vibriert nur so vor Hitze und Highlife. Die Tennisstars Andre Agassi und Roger Federer trainieren hoch oben auf dem Hubschrauberlandeplatz des riesigen Luxushotels Burj al Arab. Diamantenbesetzte Handys für 10 000 Dollar das Stück finden hier reißenden Absatz. Und jedes Jahr fliegen Millionen von Menschen aus einem einzigen Grund hierher: um einzukaufen. Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts bin ich häufig nach Dubai gereist, und inzwischen schätze ich den bizarren Multikulti-Charme dieser Stadt. Hier kann man in einem Restaurant, das einem Ägypter gehört und dessen Chefkoch Inder ist, italienisch essen, während philippinische Kellner alle halbe Stunde Operettenarien schmettern. Oder man beobachtet eine Clique hier ansässiger Briten, die in den frühen Morgenstunden vom Pub nach Hause wanken, während der Muezzin zum Morgengebet ruft.

Von Dubai, einem der sieben Scheichtümer der Vereinigten Arabischen Emirate, hörten viele Amerikaner zum ersten Mal, als die staatliche Gesellschaft Dubai Ports World ein britisches Unternehmen aufkaufte, das sechs amerikanische Häfen verwaltete. Einige Kongressabgeordnete reagierten beunruhigt und bezichtigten Dubai zu Recht, den Attentätern des 11. September als ein wichtiger finanzieller Umschlagplatz gedient zu haben. Andere befürworteten die Transaktion und betonten, dass sich die Vereinigten Arabischen Emirate als zuverlässige Verbündete im Kampf gegen den Terror erwiesen hätten und dass dort mehr Schiffe der amerikanischen Marine lägen, als in jedem anderen Hafen außerhalb der Vereinigten Staaten. Schließlich entschied Dubai, auf die Verwaltung der amerikanischen Häfen zu verzichten. "Für Politik haben wir keine Zeit", sagt mir Sultan bin Sulayem, der Direktor von Dubai Ports World. "Die Amerikaner wollten uns bei diesem Deal nicht dabeihaben. Kein Problem. Das nächste Geschäft wartet schon."

Was denken Sie, ist Dubai ein erfolgreiches Modell, das andere arabische Staaten kopieren sollten, oder ist es nur eine schillernde Ausnahme? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 3 / 2007)
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