Man muss schon etwas älter sein oder sich sehr für Ökonomie interessieren, um zu wissen, wer Joan Robinson war. Um es kurz zu machen: Sie lehrte von 1931 bis 1971 Wirtschaftswissenschaften an der Universität Cambridge. Von Indien war sie besonders fasziniert. Ein Großteil ihrer Arbeiten - Produkte einer linksgerichteten interventionistischen Denkweise, wie sie für die Mitte des 20. Jahrhunderts typisch war - ist heute in Vergessenheit geraten. Eine Aussage aber machte sie über Indien, die ich für ungewöhnlich scharfsinnig halte. Vielleicht sogar für zeitlos, so exakt ist der Satz. "Bei Indien darf man eines nie vergessen", sagte Joan Robinson: "Für jede einzelne Erkenntnis, zu der man über dieses riesige und komplizierte Land kommt, kann immer auch das genaue Gegenteil zutreffen." Das mag sich wie ein flotter, kluger Spruch anhören. Aber je mehr ich über mein Land erfahre - und über die Veränderungen, die es gerade durchmacht -, desto mehr stimme ich Joan Robinson zu.
Nehmen wir das älteste Klischee über Indien, die Heimat der östlichen Weisheit: dass es eine der ältesten Zivilisationen der Erde sei. Zweifellos basiert es auf Tatsachen. Von Archäologen wissen wir, dass 2500 Jahre (also 25 Jahrhunderte!) vor der Geburt Christi an den Ufern des gleichnamigen Flusses die Induskultur existierte. Es gab bereits große Städte wie Harappa mit eigener Kanalisation, einem Handelsnetz und riesigen Kornspeichern. Wir wissen auch, dass es ohne Indien keine moderne Mathematik gäbe - die Inder haben schließlich die Null erfunden. Und Jahrhunderte vor den Predigten der großen Lehrer und Propheten Buddha, Mohammed und Jesus waren die Grundsätze der Hindu-Philosophie bereits fest verankert. Nun sind wir zwar eine alte Zivilisation, aber auch ein sehr junges Land. Das moderne, demokratische Indien ist erst 60 Jahre alt (die Republik wurde 1950 gegründet, fast drei Jahre nach der 1947 vollzogenen Unabhängigkeit von den Briten). Und unsere Bevölkerung ist sogar noch jünger. In Indien leben mehr als eine Milliarde Menschen, beinahe die Hälfte davon sind unter 26. Jedes Jahr wächst das Arbeitskräftepotenzial um Millionen gut ausgebildeter junger Leute mit großem Tatendrang.
Betrachten wir ein anderes Klischee: Indien erlebt einen großen Aufschwung, und der neue Wohlstand verändert alle bisherigen Regeln. Auf einer bestimmten Ebene mag das zutreffen. Das US-Magazin Time schätzt, dass es in Indien mehr Milliardäre gibt als in China. Die Gehälter sind so hoch wie nie zuvor. Die Immobilienpreise haben derart schwindelerregende Höhen erreicht, dass Apartments in Mumbai mittlerweile teurer sind als entsprechende Wohnungen in Manhattan. Ein Beispiel für den Börsenboom: Als die Zeitung, für die ich arbeite (die Hindustan Times), im vergangenen Jahr in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, bewertete man sie höher als die New York Times oder die Washington Post. Aber auch das Gegenteil ist richtig. Vom großen Reichtum ist noch nichts zu den Armen, und ganz besonders wenig zu den Armen auf dem Land heruntergetröpfelt. In Vidarbha, einem Teil des ansonsten wohlhabenden Bundesstaats Maharashtra mit seiner Hauptstadt Mumbai, nimmt sich Schätzungen zufolge jeden Tag ein Bauer das Leben. Diese Menschen töten sich - und manchmal ihre gesamte Familie -, weil sie bis zum Hals in Schulden stecken und die Wucherzinsen skrupelloser Geldverleiher nicht mehr aufbringen können.
Vor zwei Jahren strömte alle Welt in den südlichen Bundesstaat Andhra Pradesh, weil die dortige Regierung ganz auf Informationstechnologie setzte. Doch in der Euphorie gingen die tragischen Ereignisse unter, die sich auf dem Land abspielten: Missernten trieben Bauern in den Selbstmord. Sie tranken Pestizide. Sind Sie nun womöglich der Meinung, die urbanen Gebiete Indiens seien reich, während das ländliche Indien unter Armut leide? So einfach ist es auch wieder nicht. In Indiens reichster Stadt, der glitzernden Metropole Mumbai, in der pro Quadratkilometer mehr Millionäre leben als in jeder anderen asiatischen Großstadt, hausen 60 Prozent der Bevölkerung in Slums oder in provisorischen Unterkünften auf der Straße. Und noch etwas. Multinationale Konzerne haben Indiens Jugend im Blick. Denn die ist intelligent und dynamisch und lernt schnell. So fließen im Rahmen von Auslagerungen gesamter Geschäftsbereiche Milliarden von Dollar nach Indien.
Verliert man zum Beispiel seine Kreditkarte in Los Angeles und ruft bei seiner Bank an, weil man eine neue braucht, kann es sein, dass man schließlich mit einem Sachverständigen in einem Vorort von Delhi verbunden wird, der einem mit näselndem amerikanischen Akzent rasche Hilfe verspricht. Vor drei Jahren wählte ich die lokale Servicenummer einer britischen Bahngesellschaft. Ich war empört, dass man alle Züge von London nach Windsor gestrichen hatte. Mich traf fast der Schlag, als ich mit einem Callcenter in Indien verbunden wurde.
Indien ist ein Land der Gegensätze. Woran liegt es, dass die indische Regierung trotz des Wohlstandes und des Fortschrittes so wenig für die Menschen am Rande der eigenen Gesellschaft tut? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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