Wenn der König schläft

Artikel vom 01.11.2007  —  Autor: Matthew Teague  —  Bilder: Amy Toensing

Die königliche Garde wirkt etwas derangiert. Die Männer schauen sich auf die Füße, so dass ihre Gesichter hinter den Krempen der Tropenhelme verschwinden. Einer scharrt mit dem Stiefel im Kies, als könnte er darunter eine Erklärung finden. "Tut mir leid", sagt er. "Es kann noch etwas dauern." Der Kronprinz von Tonga hat mir an diesem Morgen eine Nachricht zukommen lassen: Er werde mir eine Audienz gewähren.

Tonga ist die letzte echte Monarchie im Pazifik, eine der letzten in der Welt. Vor einigen Wochen wurde der geliebte König Taufa’ahau Tupou IV. ins Krankenhaus eingeliefert. Es ist abzusehen, dass er bald sterben wird. Jetzt bereitet sich sein unbeliebter Sohn darauf vor, den Thron zu besteigen. Von der Villa des Prinzen Tupouto'a führt eine Straße nach Nuku’alofa, der Hauptstadt von Tonga auf der Hauptinsel Tongatapu. Hier leben ein Drittel der 100 000 Einwohner dieses südpazifischen Inselstaats. Ein Stück weiter Richtung Stadt steht ein Imbissstand, darauf der Slogan "Demokratie statt Heuchelei". Unter den Tongaern beginnt sich etwas zu regen. Tonga befindet sich an einem Wendepunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft, Monarchie und Demokratie , Abgeschiedenheit und Globalisierung. Der behelmte Wachposten trottet mit entschuldigenden Gesten davon und kommt ein paar Minuten später zurück. "Tut mir leid", sagt er wieder. "Seine Hoheit schläft. Niemand wagt es, ihn zu wecken."

Vor etwa 900 Jahren nahm eine lange königliche Abstammungslinie ihren Anfang und dehnte mit Krieg und Diplomatie den Einfluss Tongas auf andere - friedlichere - Nachbarinseln aus. Tonga ist noch immer das einzige Land im Pazifik, das nie von einer fremden Macht regiert wurde. Doch es gab auch immer wieder fremde Einflüsse. Forscher und Missionare, Schwindler und Spekulanten hinterließen ihre Spuren. 99 Prozent der Bevölkerung können schreiben und lesen, und es heißt, dass es hier mehr Doktortitel pro Kopf gibt als in jedem anderen Land des südpazifischen Raums. Von den 32 Sitzen in Tongas Parlament werden nur neun durch Volkswahl besetzt. Alle Entscheidungen müssen vom Monarchen abgesegnet werden.

Der Kronprinz etwa hatte den Großteil seiner Erziehung im Ausland genossen, in der englischen Militärakademie Sandhurst und in Oxford. 1998 gab er seinen Posten im Kabinett auf, um sich wirtschaftlichen Interessen zu widmen. Bald besaß er eine Fluglinie und eine Brauerei, eine Elektrofirma und noch einiges mehr. Sein Volk schaute ungläubig zu, doch den Prinzen schien das nicht zu kümmern. Journalisten erzählte er, ohne königliche Führung würden die Tongaer noch "in die Fahrstühle urinieren". Von Arbeiten, mit denen sein Volk den Lebensunterhalt bestreitet - "Korbflechten oder was immer diese Leute tun" -, hält er wenig.

Nach meinem ersten Versuch, den Kronprinzen zu treffen, sagt mir sein Sekretär, es werde wohl noch dauern, bis er mich empfangen könne. Also schaue ich mich im Königreich um. Von hoch oben wirkt Tonga wie eine Ansammlung winziger grüner Flecken auf blauem Grund. Die Inseln liegen über eine große Fläche verstreut, sie misst 800 Kilometer von einem Ende zum anderen. Die drei Hauptgruppen Vava’u, Ha’apai und Tongatapu sind so unterschiedlich, dass sich dem Besucher kein sinnvoller Zusammenhang erschließt. Wer von einer zur anderen reist, hat das Gefühl, sich nicht im Raum, sondern in der Zeit zu bewegen. Jede Inselgruppe scheint in einer anderen Zeit in der Geschichte Tongas zu existieren.

Ein paar Wochen später gewährt mir der Kronprinz eine Audienz. "Hallo", sagt er in seinem britischen Akzent und streckt die Hand aus. Wir plaudern eine Weile über seine Zeit in England. Ich frage ihn nach dem Taxi, das er sich aus London kommen ließ, und warum es ihm so gefällt.

"Es ist so praktisch, wissen Sie", sagt er. "Man kann so gut ein- und aussteigen, selbst wenn man einen Säbel trägt." Und noch etwas anderes ist praktisch: Das Taxi hat Vorhänge an den Fenstern, die der Prinz zuzieht, wenn er durch sein Land reist. So können seine Untertanen ihn nicht sehen, und er muss sie nicht sehen.
Ein paar Tage zuvor habe ich Tongas Schule für behinderte Kinder besucht. Die Computer dort sind von der australischen, das Auto ist von der japanischen Regierung gespendet. Es komme mir ungerecht vor, sage ich, dass die Königsfamilie in Saus und Braus lebt, während andere weniger vom Glück Begünstigte auf fremde Hilfe angewiesen seien. Der Prinz winkt ab und bemerkt, dass es doch zum Beispiel auch in Amerika Armut gebe. "Entwicklungshilfe ist Entwicklungshilfe. Wie wir mit den freundlichen Gesten anderer Völker umgehen, ist nicht deren Angelegenheit, sondern unsere." Ich denke ein wenig über diesen Satz nach und muss mir eingestehen, dass er mich - aber auf königliche Art - gerügt hat. Die Audienz dauert nicht mehr lang. Am Ende danke ich dem Prinzen für seine Zeit und für... "Auf Wiedersehen", sagt er. Die scharfe Unterbrechung meiner Rede steht in solchem Gegensatz zu dem warmen Lächeln in seinem Gesicht, dass ich einige Augenblicke brauche, um zu begreifen: Ich bin entlassen. Der Prinz dreht mir den Rücken zu und lässt mich stehen.

Weil sie sich durch die Herrschaft ihres Königs unterdrückt fühlen, versuchen die Einwohner des Inselstaates Tonga in Eigenregie demokratische Verhältnisse zu schaffen. Glauben Sie, dass es möglich ist, eine Monarchie friedlich "zu stürzen"? Was könnten die Tongaer tun, um einen blutigen Kampf zu vermeiden? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 11 / 2007)
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