Wenn Mücken töten

Artikel vom 01.07.2007  —  Autor: Michael Finkel  —  Bilder: John Stanmeyer

Es beginnt nachts, mit einem Stich, ganz schmerzlos. Die Mücke setzt sich auf ein Stück nackter Haut und bohrt ihre nadelspitzen Mundwerkzeuge hinein. Sie hat lange, fadendünne Beine und gefleckte Flügel. Sie gehört zur Gattung Anopheles und ist das einzige Insekt, das dem Malariaparasiten als Wirt dienen kann. Und es ist eindeutig eine Sie, männliche Mücken interessieren sich nicht für Blut. Die Weibchen brauchen diese proteinreiche Nahrung für die Reifung ihrer Eier. Durch die Oberhaut und eine dünne Fettschicht bohrt sie ihren feinen Rüssel in das Geflecht der blutgefüllten Kapillaren. Dann beginnt sie zu saugen. Damit das Blut nicht gerinnt, verteilt die Mücke ein wenig Speichel rund um die Einstichstelle. Dabei passiert es. In den Speicheldrüsen der Mücke lauern winzige, sichelförmige Lebewesen, und die gelangen mit der Flüssigkeit nun in den menschlichen Organismus. Es sind einzellige Malariaparasiten, auch Plasmodien genannt. Tausend von ihnen könnten in einer Pfütze schwimmen, die so klein ist wie der Punkt am Ende dieses Satzes.

In der Regel gehen ein paar Dutzend von ihnen ins Blut über. Aber eines reicht schon. Ein einziges Plasmodium kann einen Menschen töten.

Die Parasiten bleiben nur wenige Minuten frei im Blut. Sie lassen sich über den Kreislauf in die Leber treiben. Dort dringt jedes Plasmodium in eine Leberzelle ein. Der Mensch, der gestochen wurde, schläft und hat in der Regel nichts bemerkt. Auch während der nächsten ein bis zwei Wochen deutet nichts darauf hin, dass sich in seinem Körper eine Katastrophe anbahnt. Wir leben auf einem Malariaplaneten. Das mag aus der Sicht eines Industriestaats nicht so scheinen. Wenn hierzulande jemand an Malaria denkt, glaubt er oft, sie sei ein gelöstes Problem; wie Pocken oder Kinderlähmung. Tatsächlich jedoch leiden heute mehr Menschen an Malaria als je zuvor. Die Krankheit kommt in 106 Staaten der Erde vor und bedroht die Hälfte der Weltbevölkerung - mehr als drei Milliarden Menschen. Dieses Jahr werden bis zu einer halben Milliarde Menschen an Malaria erkranken.

Mindestens eine Million werden daran sterben, die allermeisten davon sind afrikanische Kinder unter fünf Jahren. Das sind mehr als doppelt so viele Tote wie vor 30 Jahren.

Das Schlimmste an der Malaria ist nach Ansicht mancher Fachleute, dass die reichen Nationen frei davon sind. Gleichzeitig stehen einige Regionen unserer Erde wegen der Malaria am Rand des Zusammenbruchs. Erst seit einigen Jahren sind Hilfsorganisationen und Spender auf das Problem aufmerksam geworden. Roll back Malaria, so heißt eine Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Vereinten Nationen und der Weltbank. Der Computermilliardär Bill Gates nennt Malaria "das Schlimmste, was es auf der Erde gibt", und spendete über die Bill and Melinda Gates Foundation mehrere hundert Millionen Dollar für ihre Bekämpfung.

Die Mittel für die Erforschung der Malaria wurden seit 2003 verdoppelt. Alle bekannten und ganz neue Bekämpfungsmethoden will man kombinieren, von chinesischen Kräuterarzneien und imprägnierten Moskitonetzen über den Einsatz des lange Zeit verpönten DDT bis zu modernen Kombinationsmedikamenten. Manche Forscher arbeiten daran, dem Malariaparasiten mit seinem eigenen Überträger - mit gentechnisch veränderten Anophelesmücken - zu Leibe zu rücken. Andere versuchen sich an der bisher immer wieder gescheiterten Herstellung eines Impfstoffs gegen die Malaria.

Ein großer Teil der Hilfsgelder fließt in einige besonders hart getroffene Staaten im mittleren und südlichen Afrika.

Wenn man dort die Krankheit zurückdrängen könnte, hätte man Bekämpfungsmodelle für den Rest der Welt. In manchen Provinzen leiden ständig mehr als ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren an der Krankheit. Noch schlimmer als die nackten Zahlen ist die in Sambia vorkommende Form der Malaria. Vier Arten von Parasiten können Menschen infizieren. Die gefährlichste ist Plasmodium falciparum: Sie verursacht weltweit rund die Hälfte aller Malariaerkrankungen, und 95 Prozent der Toten gehen auf das Konto der von ihr hervorgerufenen Malaria tropica. Es ist die einzige Form der Krankheit, die auch das Gehirn angreifen kann. Kaum ein anderer Erreger richtet den menschlichen Organismus so schnell zugrunde wie P. falciparum. Ein Jugendlicher in Afrika, der morgens noch Fußball spielt, kann abends bereits an Malaria gestorben sein. Ein Land, das von den Malariaforschern so genau beobachtet wird wie kein anderes, ist Sambia im südlichen Afrika. Wie gründlich das Land von der Malaria zugrunde gerichtet wurde, ist kaum vorstellbar.

Während die reichen Regionen unserer Erde frei von Malaria sind, richtet die Krankheit andere Länder und ihre Bevölkerung fast gänzlich nieder. Einen einfachen und günstigen Schutz bieten Moskitonetze, doch selbst diese sind für einige Menschen schwierig zu bekommen und unbezahlbar. Sollte dieser Schutz, ebenso wie die Medikamente, nicht für alle betroffenen Menschen frei zugänglich sein? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 7 / 2007)
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