Träum ich? Es kommt mir vor, als sei ich über den Rand der Welt gepurzelt und wie Alice in einem Kaninchenloch gelandet. Ein Wunderland. Hier in der Chihuahua-Wüste ist nichts so, wie man es erwartet. Motten haben die Größe von Kolibris. Sind die "Mauleselohrengipfel", jene Zwillingsfelsen aus schwarzem Eruptivgestein dort hinten, zehn oder 50 Kilometer entfernt? An klaren Tagen kann man mehr als 160 Kilometer weit sehen, und da es nur wenige Straßen oder Gebäude gibt, an denen ich mich orientieren könnte, sind Entfernungen schwer zu schätzen. Ein Hase rennt so schnell über den harten Boden, dass seine Hinterläufe die Vorderläufe zu überholen scheinen wie im Comic. Tief unten in einer Schlucht sucht sich ein Schwarzbär einen Weg zwischen Palmlilien und Feigenkakteen. Irgendwie scheint er fehl am Platz, aber das macht nichts. Hier ist niemand, dem es auffallen könnte.
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In dieser Landschaft verschwimmt die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Der Legende zufolge hat Gott nach der Erschaffung der Welt die Überreste in diesem gigantischen Sandkasten entsorgt. Und in einer Höhle am Südufer des Rio Grande, den die Mexikaner Río Bravo del Norte nennen, soll der Überlieferung nach der Teufel eingeschlossen sein; hin und wieder entkomme er auf einer Schaukel, die zwischen zwei Bergen hänge. Eine perfekte Illusion bieten auch die Bergketten der Chisos Mountains und der Sierra del Carmen: Sie scheinen über der Ebene zu schweben, wenn man sie nur lange genug betrachtet. Ich bin 130 Kilometer weit durch diese Wüste gelaufen und habe gestaunt. Keine Bäume, nicht einmal Sträucher behinderten die Sicht auf schier endlose Flächen aus Sand, Geröll, Gesteinsschutt und Lava - Zeugnisse von 500 Millionen Jahren geologischer Aktivität und Erosion.
Diese Einöde wird auch El Despoblado, sinngemäß: die Unbewohnte, genannt. Doch allmählich setzt sich ein anderer Name durch: El Carmen-Big Bend Transboundary Megacorridor, etwa: "Grenzüberschreitender großer Schutzkorridor El Carmen-Big Bend". Das Gebiet ist mehr als eine Million Hektar groß und eine der biologisch vielfältigsten Wüstenregionen der Welt.
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Die Idee, dieses Land unter Schutz zu stellen, entstand vor etwa 70 Jahren mit der Vorstellung von einem internationalen Friedenspark, der grenzübergreifend sowohl amerikanisches als auch mexikanisches Territorium umfassen sollte. Daraus wurde nichts - aber das, was jetzt entsteht, ist weitaus größer und ambitionierter.
Auf den meisten Landkarten ist die Chihuahua-Wüste eine leere Fläche bis auf die gewundene Linie, die den Rio Grande darstellt. Er bildet die Grenze zwischen beiden Ländern. Die insgesamt sechs Schutzgebiete grenzen direkt an den Fluss: auf mexikanischer Seite der Cañón de Santa Elena und die Maderas del Carmen, in Texas zwei staatliche Schutzgebiete direkt am Big Bend National Park, der nach einer Schleife des Rio Grande benannt ist.
Das sechste Schutzgebiet ist ein schmaler Landstreifen entlang der amerikanischen Seite des Flusses.
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Wer diese Landschaft aus der Luft betrachtet, sieht vor allem tiefe Spalten, Felsspitzen, Falten. Es scheint dort kein Leben zu geben. Am Boden wirkt sie kaum einladender. Die Temperatur steigt im Sommer tagsüber auf über 38 Grad, im Winter fällt sie nachts bis unter den Gefrierpunkt. Starker Wind ist ein häufiger Begleiter, oft bläst er tagelang. Dies ist ein höllisch raues Land. Die Zivilisation ist weit weg, gleichgültig, aus welcher Richtung man kommt. Die Abgeschiedenheit ist furchteinflößend. Überall lauern Gefahren und Unannehmlichkeiten: Klapperschlangen, Skorpione, Wanzen. Man kann über eine niedrige Lechuguilla, eine Agavenart, stolpern, sich an den Dornen der Katzenklauenakazie die Haut aufreißen oder sich am Kugelkaktus verletzen. Die Leute sagen: Das Einzige, was hier nicht beißt, sticht oder nach einem schnappt, sind die Steine.
Der mexikanischen Regierung fehlte das Geld um Land für Naturschutzparks zu kaufen. Eine Zementfirma aus Mexiko erwarb mehrere Zehntausend Hektar Land die nun in ein Schutzgebiet umgewandelt werden sollen. Was halten Sie von diesem neuen Konzept, Land an Privatfirmen zu verkaufen, damit es besser geschützt werden kann? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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