Jason Welsh drückte den Telefonhörer fest ans Ohr und belog seine Mutter: Er habe im Irak einen Autounfall gehabt, doch es gehe ihm gut. "Ich glaube, mein Kiefer ist ziemlich übel gebrochen", sagte er, "aber sonst ist mir nichts weiter passiert." Seiner Mutter zu erzählen, dass er bei der Detonation einer am Straßenrand deponierten Bombe fast getötet worden war, dass er eine gebrochene Halswirbelsäule hatte und sein Gesicht zerschmettert war, dass drei Soldaten seiner Gruppe tot waren - das erschien dem 25-Jährigen nicht richtig. Aber seine Mutter, Lynne Welsh aus Oklahoma, glaubte ihm nicht. Sie war völlig durcheinander. Ihr wurde angst und bange. "Ich war so erschrocken, dass meine Stimme ganz schwach wurde", erinnert sie sich. "Zum Schluss habe ich ihn gefragt: 'Jason, was ist mit deinen Armen und Beinen?'"
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In dieser Frage drückt sich die größte Angst aller Eltern und Ehepartner, Freunde und Freundinnen von Soldaten aus. Welshs Antwort würde für die Zukunft seiner Familie ausschlaggebend sein und über ihren weiteren Lebensweg entscheiden. "Meine Arme und Beine sind in Ordnung", sagte Welsh. Zumindest das war die Wahrheit. Mehr als 3000 amerikanische Soldaten wurden seit Beginn des Irakkriegs im Frühjahr 2003 bei Gefechten und anderen Zwischenfällen getötet, mehr als 23 000 verwundet. Über die Toten wird Buch geführt. Bei den Verletzten sieht es anders aus. Ihre Zahl ist nur schwer zu erfassen. Vor allem: Sie werden in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen. Durch die moderne Medizintechnik, durch schnelle Bergung und Versorgung der Verwundeten haben sich die Chancen der Soldaten verbessert, auch schwerste Verletzungen zu überleben. Diese Entwicklung, über die in den Medien berichtet wird, ließ anfangs den Eindruck entstehen, der Irakkrieg sei anders als sonstige Kriege - und dass die Gefahren geringer seien. Aber im Laufe der Zeit änderte sich die Art der Auseinandersetzung. In den Städten des Irak begann der Aufstand. Die amerikanischen Truppen und ihre Fahrzeuge mit immer besserer Panzerung auszurüsten, hat nur dazu geführt, dass die Heckenschützen noch zielsicherer, die Bomben noch zerstörerischer wurden.
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In den USA sind die Amputierten das sichtbarste und verstörendste Zeugnis dieses Krieges. Das menschliche Auge, das Symmetrie als anziehend und ihre Abwesenheit als erschreckend empfindet, kann nicht anders, als auf die Stellen zu starren, an denen Beine oder Arme fehlen. Aber es gibt noch andere Verletzungen, und manche sind schlimmer als Amputationen. Mehr als 20 Prozent der Verwundeten haben ein Schädelhirntrauma (SHT) erlitten. Die Bombe am Straßenrand, der selbstgebastelte Sprengsatz - das sind die charakteristischen Waffen dieses Krieges. Und das SHT sei ihre Hinterlassenschaft, sagt der Neuropsychologe George Zitnay, ein Arzt mit mehr als 40 Jahren Berufserfahrung bei der Behandlung von Hirnverletzungen.
Er beschreibt sie als eine "unsichtbare Epidemie", eine Seuche, über die die Öffentlichkeit kaum etwas weiß und über die sie nur ungern etwas wissen will. "Man hat große Angst, über die Psyche nachzudenken", sagt er. "Wenn Sie eine Hirnverletzung hätten, würden Sie dann wollen, dass andere Leute davon erfahren?" Nach dem Golfkrieg 1990/91 gründete Zitnay gemeinsam mit anderen das Defense and Veterans Brain Injury Center, ein Behandlungszentrum für aktive und ehemalige Soldaten mit Schädelhirntrauma.
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Dazu angeregt wurde er vom Schicksal der Vietnamveteranen. Viele von ihnen, sagt er, kehrten mit Hirnverletzungen heim, die nicht diagnostiziert und nicht behandelt wurden. "Sie landeten im Gefängnis, im Krankenhaus oder auf der Straße, ihre Ehen zerbrachen." Zitnay hat beobachtet, dass die Irakveteranen heute ähnliche Erfahrungen machen. "Viele Truppen werden zu immer neuen Einsätzen abkommandiert. Dann wird ihre Zeit im Kriegsgebiet verlängert, und das Risiko, bei einer Explosion verletzt zu werden, ist hoch. Wenn die Soldaten zurückkommen, werden sie nicht routinemäßig auf Hirnverletzungen untersucht. Dabei zeigen sich die Folgen bei vielen, die eine leichte oder minderschwere Gehirnerschütterung erlitten, erst später."
Der Krieg im Irak fordert täglich neue Opfer. Was bedeutet die Rückkehr von Kriegsverletzten für die Gesellschaft? Wie sollte mit den Traumata der Veteranen umgegangen werden? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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