Ab nach Sibirien!

Artikel vom 01.06.2008  —  Autor: Paul Starobin  —  Bilder: Gerd Ludwig

Kurz vor Mitternacht wiegen sich die Paare auf der Tanzfläche des Palastrestaurants im Takt eines langsamen Stücks. "Sa nas, sa neft", schnurrt der Sänger, "auf uns, auf das Öl."

Wohin auch das Leben uns schickt - Auf uns, auf das Öl ... Wir füllen unsere Gläser bis zum Rand.

Es ist der Tag der neftjaniki, der Ölarbeiter im Autonomen Kreis Chanty-Mansijsk in Westsibirien. Dieser Tag zu Ehren der schwer schuftenden Männer wird immer Anfang September gefeiert, nach der sommerlichen Mückenplage, vor dem ersten Schnee im Oktober. Als es vor ein paar Stunden dunkel wurde, drängten sich Tausende in die riesige Freiluft-Sportanlage. Eine tiefgrüne Waldkulisse umrahmt die Bühne. Sie ließen Luftballons steigen, entzündeten Fackeln. Eine Gesangsgruppe schmetterte:

Für uns gibt es nur eine Freude, Und das ist alles, was wir brauchen: Unsere Gesichter zu baden im frischen Öl der Bohranlage.

Brennendes Gas

Bild: Gerd Ludwig Vergrößern

Kein Wunder, dass gute Laune herrscht: Die Weltmarktpreise für Rohöl sind seit 1998 um das Zehnfache gestiegen, und Russland hat seit kurzem Saudi-Arabien als größter Erdölproduzent der Welt überholt. Die Konten des Kreml fließen über, es gibt Geld für neue Schulen, Straßen und - natürlich - für die Armee. Die neuen Reichen von Moskau legen Millionen von Euro für protzige Villen hin. Sie nennen sie Datsche, aber mit dem bescheidenen Wochenendhäuschen auf dem Land haben sie nichts mehr gemein.

Schauplatz des Booms sind die sumpfigen Ölfelder im Westen Sibiriens. Etwa 70 Prozent des russischen Öls kommen von hier, an die sieben Millionen Barrel oder gut 1,1 Milliarden Liter pro Tag (ein Barrel = 159 Liter). Doch die Zukunft, die das Öl zurzeit noch verspricht, könnte der Region bald aus den Fingern glitschen. Die Fördermenge in Westsibirien ist von 2004 bis 2007 kaum gestiegen. Das war die Phase, in der sich die Kremlherrscher erstklassige Ölfelder sicherten, die privaten Konzernen gehörten. Deren Besitzer, die Oligarchen, waren zwar raffgierige Geschäftsleute, die untereinander um die Beute stritten. Allerdings investierten sie auch kräftig in die Lagerstätten, um Produktion und Profit zu maximieren. Der Kreml dagegen will mit dem Öl nicht nur den Reichtum des Landes mehren. Er will es auch als politisches Instrument einsetzen, um Russland wieder als Weltmacht zu etablieren. Dabei ließen grobe Ungeschicklichkeiten manche ausländischen Investoren vorsichtig werden. Das könnte den Aufschwung bremsen - und damit die Chancen von Chanty-Mansijsks auf eine bessere Zukunft.

Apartments in Nischnewartowsk

Bild: Gerd Ludwig Vergrößern

Westsibiriens große Öllagerstätten liegen in einem Gebiet, das ein exilierter marxistischer Revolutionär mit leidvoller Gulag-Erfahrung einst als "Müllhalde der Erde" bezeichnet hat. Doch auf einen freiwilligen Besucher wirkt die Region durchaus anziehend, wild und urtümlich. Vorherrschende Landschaftsform ist die Taiga - dichter Wald aus Birken, Zedern und Kiefern - und boloto, ein torfiger Sumpf, der die meiste Zeit des Jahres gefroren ist und aus dem hier und da Methangas blubbert. Es gibt keine Berge, wenige Hügel, aber zahllose Seen, Flüsse und Bäche. Mit ernsthaften Aufschlussbohrungen hatte man hier Mitte der sechziger Jahre begonnen. "Sibirien war anfangs totales Grenzland", sagt Alexander Filipenko, der Gouverneur von Chanty-Mansijsk. Er hat silbergraue Haare, wässrige Augen und eine fleckige, frostgegerbte Nase. Er wirkt älter als 58. Filipenko kam in den frühen siebziger Jahren nach Chanty-Mansijsk. Sein Auftrag: eine Brücke über den Ob zu bauen. Ende des 19. Jahrhunderts transportierten hier Schleppkähne Gefangene an den Ort ihrer Verbannung. Das Brückenprojekt kostete vier Jahre Schwerstarbeit unter brutalen Bedingungen. Heute blickt der Gouverneur auf diese Zeit zurück, wie ein alter Mann sich vielleicht seiner ersten Liebe erinnert.

Mit Leidenschaft geht er auch an die Umgestaltung der gleichnamigen Hauptstadt Chanty-Mansijsk, in der heute 60 000 Menschen leben. Er kümmert sich um jedes Detail, und er hat die Mittel, um die Stadt nach seinem Gusto zu gestalten. Die Ölindustrie des Kreises zahlt jährlich umgerechnet 26 Milliarden Euro Steuern. Drei Milliarden davon bleiben in der Region, der Rest geht an Moskau. Filipenko steht zu seiner Parteizugehörigkeit, rückwärtsgewandt sowjetorientiert ist er aber nicht.

Zu den architektonischen Symbolen der Hauptstadt gehören ein Einkaufszentrum mit einer gewaltigen grünen Kuppel in Form eines tschum. Das ist das traditionelle Zelt der einheimischen Chanten und Mansen sowie anderer Volksgruppen, die jagen, fischen und Rentiere halten. Diese Art Symbolik, das Bekenntnis zu einer Identität, die sich auf die kulturelle Herkunft bezog, wäre zu Sowjetzeiten undenkbar gewesen. Mit der Erschließung der sibirischen Ölfelder wurden die einheimischen Volksgruppen zwangsweise in Dörfer umgesiedelt und dadurch von ihren Jagd- und Fischgründen abgeschnitten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion erhielten die Nomaden ihren Status als "Ureinwohner" zurück, mit dem Recht, auch auf den Ölfeldern umherzuziehen. Dennoch - und trotz der Aufwertung der Kreishauptstadt - hat sich ihr Schicksal kaum gebessert. Es sind insgesamt nur etwa 30 000 Menschen. Ihre Sprachen sind fast ausgestorben. Sie leiden schwer unter den Plagen des modernen Russland: Aids, Alkoholismus, Tuberkulose.

Ölplattform

Bild: Gerd Ludwig Vergrößern

Hinzu kommt die Entvölkerung: Die Jungen fliehen nach Moskau und in andere Städte. Um diesen Tendenzen entgegenzuwirken, will Filipenko den Kreis Chanty-Mansijsk zu einer Region machen, die die Jugend anzieht, anstatt sie zu vertreiben. Mit Erfolg, wie er sagt.

Chanty-Mansijsk habe unter den russischen Verwaltungsbezirken die dritthöchste Geburtenrate, und durch eine Kombination von Geburten und Zuwanderung habe sich die Bevölkerungszahl seit 1989 sogar um 18 Prozent erhöht. Die Wirtschaft der Hauptstadt finanziert sich zu 90 Prozent aus dem Öl. Das Problem dabei: Irgendwann werden die Lagerstätten leer gepumpt sein, und man wird - um den Wohlstand zu erhalten - neue Geldquellen erschließen müssen. Für Alexander Schtscherbakow, einen 60-jährigen Mathematiker mit grauem Walross-Schnurrbart, ist der Weg in die nächste Ära vorgezeichnet: Während die Zeit des billigen Öls zu Ende gehe, "bilden wir unsere eigenen Wissenschaftler aus". Das ist möglicherweise eine zu optimistische Einschätzung. Unter den Sowjets konnte der Kreml Spitzenforschern einfach befehlen, in entlegene Forschungszentren zu ziehen. Im heutigen Russland dürfen russische Elitewissenschaftler leben und arbeiten, wo es ihnen beliebt, und die meisten entscheiden sich für reiche Städte wie Moskau oder St. Petersburg.

Der Öl-Boom in Westsibirien weckt Hoffnungen auf eine bessere Zukunft für die Menschen in der Region. Doch der Kreml will mit dem Öl nicht nur den Reichtum des Landes mehren. Er will den Rohstoff nutzen, um Russland wieder als Weltmacht zu etablieren - und verschreckt ausländische Investoren. Was meinen Sie, droht die Region wegen Russlands Machtgebaren in die Armut abzugleiten? Würde es den Menschen besser gehen, wenn der Markt sich hier frei entfalten könnte? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 6 / 2008, Seite(n) 60)
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