Alfred R. Wallace - der Mann in Darwins Schatten

Artikel vom 01.12.2008  —  Autor: David Quammen  —  Bilder: Robert Clark
Kasuar von den Molukken

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Die Insel Ternate ist ein kleiner, bewaldeter Vulkanhügel, der 1000 Kilometer östlich von Borneo aus dem Meer ragt. Einst diente Ternate dem holländischen Seefahrtimperium als Umschlagplatz, von dem aus Gewürze und andere Kostbarkeiten der Tropen per Schiff westwärts verfrachtet wurden. Heute umringen der geschäftige Hafen, die Obst- und Fischmärkte, Moscheen, alte Festungsanlagen, der Sultanspalast und schmucke Betonhäuschen die Insel entlang der Küstenlinie wie eine bunte Lichterkette ein Kinderkarussell. Die aufsteigenden Hänge sind zum großen Teil noch dicht bewachsen und unbewohnt. Mit etwas Glück bekommt man hier einen prächtigen Vogel mit smaragdgrünem Brustgefieder und zwei langen weißen Zierfedern zu sehen, die von seinen Schultern herabhängen. Sein Name - Wallace-Paradiesvogel - erinnert an den Mann, durch den er der wissenschaftlichen Welt bekannt wurde: Alfred Russel Wallace.

Der junge englische Naturforscher erkundete den Malaiischen Archipel von Ende der fünfziger bis Anfang der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Am 9. März 1858 sandte der damals 35-Jährige von Ternate aus einen Brief mit einem holländischen Postdampfer in die Heimat. Dieser Brief sollte weitreichende Folgen haben. Das Schreiben war an Mr Charles Darwin adressiert. Wallace hatte einen kurzen Aufsatz mit dem Titel "Über die Tendenz der Varietäten, unbegrenzt vom Originaltypus abzuweichen" beigelegt. Der Aufsatz war in zwei Nächten hastiger Kritzelei entstanden, in einer Art fieberhafter Offenbarung, die auf mehr als zehn Jahre Spekulation und sorgfältige Forschungsarbeit gleichermaßen zurückging. Darin beschrieb Wallace eine Theorie der Evolution (ohne sie so zu nennen) durch natürliche Auslese (ohne diesen Begriff zu verwenden). Sie wies bemerkenswerte Ähnlichkeit mit einer Theorie auf, die auch Darwin entwickelt, aber noch nicht veröffentlicht hatte.

Käfersammlung Wallace

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Wie das, was wir heute als Darwinsche Theorie kennen, fast gleichzeitig von dem jungen Autodidakten Alfred Russel Wallace formuliert wurde, ist ein klassisches und dennoch für viele unbekanntes Kapitel der Wissenschaftshistorie. Als Wallace noch lebte, war er als Darwins Juniorpartner und auch wegen anderer Beiträge zur Wissenschaft und Sozialphilosophie bekannt. Nach seinem Tod im Jahr 1913 wurde er rasch vergessen. Erst in neuerer Zeit kommt er wieder zu Ehren - weil Geschichtsforscher und Biografen aus Anlass des anstehenden 200. Geburtstags von Darwin im Februar 2009 dessen Leben neu ausleuchten. Wallace spielt darin eine entscheidende Rolle. Sein Porträt hängt mittlerweile zusammen mit einem Bild von Darwin im Versammlungssaal der Linné-Gesellschaft in London. Vor diesem erlauchten Kreis wurde am heißen Sommerabend des 1. Juli 1858 die gemeinsame Entdeckung von Darwin und Wallace verkündet. Heute werden nicht nur seine Ideen zur Evolution, sondern auch seine Schriften zu Themen wie sozialer Gerechtigkeit oder zum Leben auf dem Mars neu veröffentlicht. Wissenschaftshistoriker würdigen Wallace als Mitbegründer der evolutionären Biogeographie. Diese Forschungsrichtung untersucht, welche Arten wo leben und warum. Wallace war speziell ein Pionier der Insel-Biogeographie, ein früher Theoretiker der biologischen Anpassung und Anwalt für ein Phänomen, das wir heute als Artenvielfalt bezeichnen. Am Übergang von der überkommenen Naturkunde zur modernen Biologie nimmt er eine herausragende Stellung ein. Zugleich war er ein leidenschaftlicher Sammler und rücksichtsloser Jäger von Schönheiten der belebten Natur.

Wallace-Linie

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Seine Beute an Insekten und Vögeln wurde zum Bestandteil vieler Museumssammlungen, sie beförderte die Lehre von der Klassifizierung der Tierwelt.
Wallace wies auch erstmals auf zwei Regionen mit deutlich unterschiedlicher Tierwelt hin, die indische und die australische. Zieht man eine Linie durch die Meerenge zwischen Borneo und Celebes und weiter südlich zwischen Bali und Lombok, so findet man westlich dieser Linie hoch entwickelte Affen (Primaten), fleischfressende Säugetiere, Insektenfresser sowie unter den Vögeln Fasane, Trogone, Bülbüls und andere asiatische Arten. Östlich davon leben Kakadus, Loris, Kasuare, Großfußhühner, Kuskus und andere Beuteltiere. Obwohl die klimatischen und ökologischen Verhältnisse der beiden Regionen sehr ähnlich sind, bilden sie eindeutig unterschiedliche Tierwelten. "Solche Tatsachen lassen sich nur durch eine mutige Anerkennung großräumiger Veränderungen an der Erdoberfläche erklären", schrieb Wallace. Soll heißen: Nicht Gottes Laune platzierte die Arten dort, wo wir sie finden; die Ursachen liegen in Geschichte, Evolution, Artenwanderung und geologischen Umwälzungen.

Fliegender Frosch

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Später nannte der brillante Anatom und Darwin-Anhänger Thomas H. Huxley diese Ost-West-Grenze "Wallace-Linie“. Doch wer schon einmal von Alfred Russel Wallace gehört hat, kennt ihn meist nur als den Mann im Schatten von Charles Darwin: als den Forscher, der die Theorie der Evolution durch natürliche Auslese mit entdeckt hat, aber nie in gleicher Weise dafür anerkannt wurde.

Wallace saß an der Küste von Neuguinea hungernd und mit Fieber im Monsun fest, als sein Aufsatz zusammen mit unveröffentlichten Schriften von Darwin als gemeinsame Präsentation vor der Linné-Gesellschaft verlesen wurde. Es war ein Kompromiss, der es Darwin erlaubte, seine Entdeckung gemeinsam mit Wallace bekannt zu geben. Der war dazu gar nicht befragt worden, doch als er davon hörte, reagierte er erfreut und geschmeichelt. War dies die richtige Reaktion von Wallace? Was halten Sie von Darwins Vorgehen? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 12 / 2008, Seite(n) 106)
Extras

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