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Meine Studenten schrieben ihre Aufsätze auf billiges Papier, das so dünn war, dass es sich anfühlte wie die Haut einer Zwiebel. Die brüchigen Blätter rissen schnell ein; wenn man sie ins Licht hielt, schien es durch. Das Englisch war oft schief, aber manchmal verlieh das den Worten zusätzlich Kraft. "Meine Eltern geboren in armer Bauernfamilie", schrieb ein junger Mann, der für sich den englischen Namen Hunt gewählt hatte. "Sie erzählten uns, dass sie Rinden aßen, Gras usw. Großvater und Großmutter waren altmodisch. Sie erlaubten meiner Mutter nicht, zur Schule zu gehen, weil sie ein Mädchen ist." Ein anderer beschrieb seine Mutter: "Ihre Haare werden weiß, und einige ihrer Zähne wackeln. Aber sie arbeitet so hart wie früher." Oft ging es um Familienthemen - die großen Ereignisse im Land schienen meine Schüler eher zu verwirren. "Ich bin Chinesin, aber ich finde es schwierig, mein Land deutlich zu erkennen", schrieb eine junge Frau. "Ich glaube, dass es viele junge Leute gibt, die das ähnlich empfinden."
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Ich konnte all das gut nachvollziehen. 1996 war ich als Freiwilliger des Peace Corps nach China geschickt worden. Mein erster Aufenthalt dort. Damals begann ich, Chinesisch zu lernen. Eines war mir völlig klar: Große Veränderungen standen bevor. Noch lebte Deng Xiaoping, noch gehörte Hongkong zu Großbritannien, China war noch nicht der Welthandelsorganisation beigetreten, und Peking war mit seiner Bewerbung für die Austragung der Olympischen Sommerspiele im Jahr 2000 gescheitert. Am Mittellauf des Jangtsekiang wurde das größte Wasserkraftwerk der Welt gebaut: der Drei-Schluchten-Staudamm. Ich hatte einen Lehrauftrag an der Universität von Fuling übernommen, einer kleinen Stadt, die von dem Dammbau betroffen sein würde. Man konnte den Jangtsekiang vom Klassenzimmer aus sehen.
Nach meinem Einsatz für das Peace Corps blieb ich als Journalist und Buchautor im Land. Insgesamt wurden es mehr als zehn Jahre. Während dieser Zeit erlebte ich einige wichtige Ereignisse mit: den Tod von Deng Xiaoping, die Rückgabe von Hongkong, die erfolgreiche Olympiabewerbung für 2008. Hin und wieder kam es zu den von früher bekannten kollektiven Zornesausbrüchen, wie 1999 bei den großen Demonstrationen nach dem Bombenangriff der Nato auf die chinesische Botschaft in Belgrad. Im gleichen Jahr machten die Proteste der Falun-Gong-Anhänger Schlagzeilen, einige Jahre später richtete sich die weltweite Aufmerksamkeit auf den Ausbruch der hochansteckenden Atemwegskrankheit Sars. Am auffälligsten war in dieser Zeit, wie wenig sich die Geschehnisse auf das Leben durchschnittlicher Chinesen auswirkten. Das war der größte Unterschied gegenüber dem, was bis dahin im 20. Jahrhundert geschehen war. Nachdem der Boxeraufstand gegen ausländische Imperialisten im Jahr 1900 Peking erfasst hatte, kam es in fast jedem Jahrzehnt zu mindestens einem politischen Wendepunkt. Die Umwälzungen verliefen alle gewaltsam. Der Einmarsch der Japaner, die Kulturrevolution, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Es war ein leidvolles Jahrhundert.
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Doch das Jahrzehnt von 1990 an verlief anders. Es wurde die erste Dekade des modernen China, in dem es keinen größeren Aufruhr gab. Das Land wandelte sich radikal. Die Wirtschaftsleistung wuchs jedes Jahr um fast zehn Prozent. Mehr Menschen als je zuvor in irgendeinem Land der Welt überwanden die Armut. 150 Millionen Menschen zogen vom Land in die Industriestädte an der Küste. In vielen Bereichen wurde China zum weltweit größten Verbraucher. Es fällt schwer, diese radikalen Veränderungen außer Deng Xiaoping einem bestimmten Vertreter der Staatsführung zuzuschreiben. Die von ihm propagierte Kombination von Wirtschaftsplanung und Marktwirtschaft war wirkungsvoll. Und das allgemeine Ziel der Kommunistischen Partei, die Energie der Bevölkerung zu entfesseln, führte zu einer Dezentralisierung der Staatsmacht. Heute steht es jedem frei, ein Unternehmen zu gründen, sich eine neue Arbeit oder eine neue Wohnung zu suchen.
Nach einem Jahrhundert mächtiger Herrscher und politischer Umwälzungen bestimmen heute die ganz gewöhnlichen Bürger die Geschicke Chinas. Doch es ist gefährlich, wenn die individuellen Wunschvorstellungen von 1,3 Milliarden Menschen das Schicksal eines Landes lenken und nicht ein politisches System mit verbindlichen Gesetzen. China steht vor einer Umweltkrise, es emittiert mittlerweile weltweit die größte Menge an Kohlendioxid. Vielerorts sind Wasser und andere substanzielle Versorgungsgüter knapp. Aber diese und andere Probleme sind oft viel zu komplex, um von einem einzelnen Bürger erfasst oder wirkungsvoll gelöst zu werden. Und da die Regierung die politischen Freiheiten weiterhin stark einschränkt, sind die Bürger auch daran gewöhnt, sich gar nicht erst mit solchen Fragen zu befassen.
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Unter Deng Xiaoping hat sich China dem Weltmarkt geöffnet. Vielen Chinesen geht es seitdem tatsächlich wirtschaftlich besser. Doch trotz wirtschaftlicher Liberalisierung sind die politischen Freiheiten weiterhin stark eingeschränkt. Was meinen Sie, wie lange kann sich das Land vor politischen Reformen verstecken? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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